Mediaforschung Verführungskolumne

John Malkovichs Film, den niemand von uns sehen wird

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 48/15 vom 25.11.2015

Vermutlich gehören Sie zur überwältigend großen Gruppe der Menschheit, die noch keinen Tropfen des Cognacs Louis XIII geschluckt hat. Schließlich kostet ein Liter des Hochprozentigen beinahe so viel wie ein Arbeitnehmer hierzulande im Schnitt in zwei Monaten verdient.

Luxus ist irrational. Passenderweise hat Louis XIII ein ebenso irrationales Werbeprojekt finanziert: Der Cognacproduzent hat den berühmten Regisseur Robert Rodriguez und Schauspiellegende John Malkovich als Drehbuchautor und Hauptdarsteller für den Film "100 Years" engagiert. Man weiß, dass es darin Louis-XIII-Productplacement geben wird. Aber man weiß nicht, worum es im Film geht. Wir werden es auch nie erfahren ,denn er wird erst im Jahr 2115 veröffentlicht .Der Film wurde für die nächsten 100 Jahre in einem speziell angefertigten Safe mit Timer versperrt. Alles, was die Generationen, die heute leben, sehen können, sind drei Trailer. Warum ausgerechnet 100 Jahre? Weil sich die Zahl gut vermarkten lässt und Louis XIII aus diesem Grund seinen Cognac 100 Jahre reifen lässt, bevor es ihn verkauft.

Wer sich schockgefrieren möchte, um den Film doch noch zu sehen, sollte sich das jedenfalls noch einmal gründlich überlegen. Wenn der Safe nach 100 Jahren aufspringt, könnte auf dem befreiten Datenträger neben den drei alten Trailern bloß ein kurzes Statement von Malkovich gespeichert sein: "Wir haben gar keinen Film gedreht, das war nur ein blöder Werbeschmäh, sorry." Man könnte ihm nicht einmal böse sein. Über Tote nur Gutes.


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