Narziss im Goldrausch

Der Starkünstler Olafur Eliasson nimmt es mit der Wucht des barocken Winterpalais auf

Lexikon | Ausstellungsbesuch: Nicole Scheyerer | aus FALTER 48/15 vom 25.11.2015


Foto: Olafur Eliasson

Foto: Olafur Eliasson

Jetzt wird er wieder „Zauberer“ genannt und seine Magie gelobt. Dabei greift der Installationskünstler Olafur Eliasson stets zu minimalistischen Mitteln, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

Seine effektvollen Raumverwandlungen basieren auf Lichtern und Spiegeln, Nebel, Wind oder Eis. Für seine Skulpturen greift der 1967 Geborene vor allem auf geometrische Formen zurück, die er gemeinsam mit dem Mathematiker Einar Thorsteinn entwickelt. Im Winterpalais des Belvedere werden nun dank der Leihgaben von Francesca Habsburg und des argentinischen Sammlerpaares Vergez Arbeiten aus den letzten 20 Jahren gezeigt.

Wo Gold war, glänzt jetzt Silber: Wer die Prunkstiege von Prinz Eugens Stadtpalast hinaufsteigt, findet die gesamte Architektur in gelbes Licht getaucht. Für die Installation „Yellow corridor“ wurden Monofrequenzleuchten verwendet. Der Clou: Sie sorgen für das Verschwinden aller anderen Farben. So hat das barocke Deckengemälde „Apoll im Sonnenwagen“ sein Leuchten eingebüßt, und auch die goldene Stuckatursonne an der Wand erscheint nur mehr als Silber.

Eine Welt in Schwarz-Weiß? „Ich entlaste die Wahrnehmung, das Gehirn muss ohne Farben weniger Information verarbeiten. Gleichzeitig sieht man dadurch mehr Details“, erklärte der dänisch-isländische Starkünstler bei der Pressekonferenz zu seiner „Baroque Baroque“ betitelten Ausstellung. Die Hallen des Palais würden eine solche Überfülle an Eindrücken bieten, dass er erst einmal „aufräumen“ wollte.

Zur Strategie „Weniger ist mehr“ zählt auch die 64 Meter lange und über zwei Meter hohe Wand mit Spiegelfolie, die durch die gesamte Raumflucht des Innenstadtpalastes reicht. Hinter dem reflektierenden Wall verschwinden die Fenster, und die Prunksäle verwandeln sich in Reflexionsboxen, in denen nach Herzenslust Selfies geschossen werden können. Für die Dauer von Eliassons Schau ist das Fotografierverbot aufgehoben, auf dass Bilder aus der Himmelpfortgasse in alle Welt gepostet werden.

Eine seiner ersten großen Ausstellungen hatte Eliasson in Graz. Im Vestibül des Winterpalais empfangen den Betrachter blau-gelbe Farbwellen, die erstmals in der Neuen Galerie 1996 für Unterwasserfeeling sorgten. Seit Ende der 1990er-Jahre hat Eliasson eine steile Karriere gemacht.

Mit seinen Großinstallationen, etwa der gigantischen Sonne von „The Weather Project“ im Londoner Museum Tate Modern oder den Wasserfällen von der New Yorker Brooklyn Bridge, ist der 48-Jährige zu einem der gefragtesten Künstler unserer Tage geworden.

Mit dem Barock verbindet Eliasson das Interesse an der Inszenierung ebenso wie an den Wissenschaften. Die von Adel und Klerus finanzierten Illusionsmaschinerien machten die Oper zum Spektakel, die Kirchenmalerei überwältigte durch Trompe-l’Œil-Effekte. Eliasson hingegen will durch Modelle „die Wirklichkeit noch wirklicher machen“. Wer reinen Sensualismus erwartet, ist auf dem Holzweg. Eliasson möchte uns beim Kunstkonsum den Spiegel vorhalten und unsere Wahrnehmungen als Konstrukte verdeutlichen.

An die Stelle von Repräsentationspomp soll also Introspektion treten, wenn im fürstlichen Salon das eigene Spiegelbild vor mit Blattgold und Seidentapeten überzogenen Wänden erscheint. In Eliassons Kaleidoskopen, die er in unterschiedlichen Größen, Formen und Farben zum Hineingucken gebaut hat, wird das Abbild des Betrachters unendlich multipliziert. Wer mit der eigenen Silhouette tanzen will, dem bietet die Lichtinstallation „Your uncertain shadow“ ein buntes Discoerlebnis ohne Sound.

Eine faszinierende Idee wurde in Prinz Eugens Schlachtenbildersaal realisiert. Die perspektivische Tiefe der meterhohen Wimmelbilder, in denen der Heerführer seine blutigen Triumphe in Turin oder Belgrad verewigen ließ, kommt im Spiegel noch besser zur Geltung.

Eliasson hat zudem auf der Spiegelwand einen halbkreisförmigen Messingring mit dem beachtlichen Durchmesser von fünf Metern fixiert. Es bleibt rätselhaft, wie der wuchtige Halbring, der durch die Spiegelung als geschlossener Kreis erscheint, in seinem Schwebezustand gehalten wird. Gleichzeitig passt er bestens zu den beiden mächtigen barocken Globen aus dem Augustiner Chorherrenstift Vorau einige Räume davor, die das Erdenrund mit Sternbildern und -zeichen darstellen.

Die Realität ist relativ“, so lautet die Weisheit, die der Künstler dem Betrachter seiner Arbeiten mitgeben will. Eliassons perfekte Inszenierungen, an denen in seinem Berliner Atelier mittlerweile 90 Mitarbeiter tüfteln, sind mehr als verführerisch. Und wie könnte man dem Publikum noch stärker schmeicheln als dadurch, dass man sein Spiegelbild zum eigentlichen Spektakel erklärt?

Winterpalais, bis 6.3.


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