Kunst Kritik

Kontemplation und gefräste Zeichnungen

Lexikon | NS | aus FALTER 48/15 vom 25.11.2015

Längere Zeit in die Sterne oder auf das Meer zu schauen erzeugt eine besondere Stimmung. Angesichts solcher Motive in den minutiösen Zeichnungen der US-Künstlerin Vija Celmins könnte man leicht glauben, es ginge ihr um Erhabenheit. Die Secession präsentiert derzeit die Druckgrafiken der 1938 geborenen Künstlerin, die dem Hyperrealismus zugerechnet wird. Die aus den letzten 50 Jahren stammenden Blätter zeigen ungeheuer fein gezeichnete Strukturen, Sujets wie Spinnennetze, Steinwüsten, Wolken und Wellen. Die Retrospektive macht die Fülle an Techniken deutlich, die von Radierungen und Holzschnitten über Siebdrucke bis hin zu den ungeheuer aufwendigen Mezzotinto-Drucken reichen. Bei der Betrachtung der vordergründig so ruhigen, meist kleinformatigen Bilder tritt die Machart immer stärker zutage. Dadurch werden sie immer abstrakter, weniger "beschaulich" und eine Herausforderung für das Auge.

Vor den Arbeiten von Julia Haller, die in der Kellergalerie der Secession gezeigt werden, ist die Frage nach der Technik unausweichlich. Was von der Ferne wie eine Zeichnung aussieht, entpuppt sich aus der Nähe als überraschend plastische Angelegenheit. Die deutsche Künstlerin mit Wohnsitz Wien hat weiße Acrylsteinplatten verwendet, die bei Designern schon länger sehr beliebt sind. In dieses besondere Material wurden Hallers abstrakte Zeichnungen gefräst und mit Farbe aufgefüllt. Die acht gezeigten Arbeiten hat Haller (Jg. 1978) zusätzlich mit Pigment bearbeitet, die dadurch wiederum einen grafischen Charakter erhalten. So gelingt ihr eine spannende Werkserie, die ihre gestische Handschrift zum Ausgangspunkt für Medienreflexion nimmt und - wiewohl nicht so intendiert - als eine zeitgemäße Antwort auf die kunsthistorisch bewährten Drucktechniken von Vija Celmins daherkommt.

Secession, bis 31.1.


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