Tiere

J'accuse!

Falters Zoo | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015


Menschen geben anderen Menschen gerne Tiernamen, noch viel lieber aber hängen wir Tieren unpassende Eigenschaften um. So berichtet zum Beispiel orf.at über den Langhornkofferfisch (Lactoria cornuta), einen Neuzugang im Wiener Haus des Meeres: „Der sogenannte Kuhfisch (…) ist sehr tollpatschig.“ Und dieses Adjektiv wird noch weitere viermal verwendet, nur um am Ende die äußerst geschickte Nahrungssuche dieser Fische zu erwähnen, die im Korallensand vergrabene Krebse und Würmer mit einem gezielten Wasserstrahl jagen. Einen tollpatschigen Text nenne ich so etwas.

Aber es gibt viel dümmere Nachrichten anzuprangern: Obwohl der Internationale Gerichtshof entschieden hat, dass Japan den Walfang im Südpolarmeer einstellen muss, nimmt das Land den Walfang zu „wissenschaftlichen Zwecken“ jetzt wieder auf. Zeitgleich zum Beginn der UN-Klimakonferenz ist dies eine echte Provokation, denn aktuelle Studien belegen die Bedeutung dieser Tiere für die Kohlenstoffspeicherkapazität der Ozeane.

Die sogenannte „Walpumpe“ funktioniert so: Diese Riesensäugetiere jagen Krill, Fisch und Tintenfische in Tiefen zwischen 200 und 1000 Metern. Ihren Darm entleeren sie aber nahe der Wasseroberfläche und transportieren auf diese Weise wichtige Nährstoffe aus der Tiefe nach oben.

Ein bedeutendes Element für die Fotosynthese ist dabei Eisen, das im Salzwasser nur schlecht gelöst vorliegt. Die so freigesetzten riesigen Exkrementwolken sind ein wesentlicher Dünger für die Entwicklung von Algen, die wiederum aus Sonnenlicht und Kohlendioxid Energie gewinnen. Gedeihen die Algen gut, dann gibt es wiederum viel Krill, jene kleinen Krebstierchen, von denen sich Wale ernähren. So schließt sich ein perfekter ökologischer Kreislauf: Eisen wandert aus lichtlosen und daher algenlosen Tiefen an die Meeresoberfläche, düngt dort Kieselalgen und füttert so das tierische Meeresplankton. Kohlendioxid wird in abgestorbenen Algen gebunden und sinkt auf den Meeresgrund. Doch diese Walpumpe stottert seit geraumer Zeit. Meeresökologen beklagen das Loch im Ökosystem des Südpolarmeeres. Die Krillmassen sind in den letzten 50 Jahren um 80 Prozent geschrumpft. Die Entwicklung ist offensichtlich: Weniger Wale und weniger Krill senken die CO2-Aufnahme durch das Meer drastisch. Das ist nicht tollpatschig, sondern einfach nur dumm.


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