Selbstversuch

Ach, da bleib ich ganz heiter und gelassen

Doris Knecht leidet und lässt leiden

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015

Kurz erwogen, in stark sarkastischem Tonfall die Geschichte zu erzählen, wie mir dieser kleine Schwule letzte Woche beim Auflegen in einem Lokal so stark auf den Geist gegangen ist, und wie man natürlich wieder einmal viel gelassener hätte reagieren sollen, heiter und erwachsen. Dann gedacht: Wuascht! Lasst uns lieb sein, unnachtragend und vorweihnachtlich froh! Und überhaupt wollen wir viel mehr im Augenblick leben.

Was manchmal nicht unschwierig ist. Zum Beispiel, wenn man auf der Liege einer Masseurin liegt, zum ersten Mal seit zehn Jahren, seit man das Thema Massage nach einem kleinen Dialog mit dem Betriebsmasseur ad acta legte. Der Masseur damals so: "Sag amal, dieser Beton in deinem Nacken, tut das nicht weh?" Ich so: "Nur wenn du so deppat darin herumknetest." Weshalb man dann viele Jahre auf Massagen verzichtete. Fehler.

Aber jetzt ist man ja viel gescheiter, man macht ja jetzt auch ab und zu, obwohl man das Wort noch immer nicht würgereizfrei aussprechen kann, ein Wellness-Wochenende, und wenn man in dessen Rahmen in eine Massage praktisch hineinrennt: gut, dann Massage. Und dann tapfer in den Schmerz hinatmen, der zwingend entsteht, wenn versteinerte Faszien von professioneller Hand gelockert werden. Und sich schwören, dass man ab jetzt regelmäßig und so weiter. Alles wird besser und vernünftiger, doch.

Und man wird auch immer noch gelassener werden und vielleicht morgen schon den Jause-Test bestehen. Ein bestandener Jause-Test würde so ausschauen, dass man in der Früh nicht komplett auszuckt und die Teenager undankbare Verschwender schimpft, weil man schon wieder die Jausenboxen mit ungegessener Jause aus den Schulrucksäcken gefischt hat, also dem selbstgebackenen Brot aus dem Biomehl (wobei es sich nicht, wie Sie jetzt natürlich denken, um alte, gebackene Steine handelt, sondern um innen fluffiges und außen knuspriges Gebäck, das unmittelbar nach dem Auskühlen in Scheiben geschnitten, tiefgefroren und erst am Verzehrtag wieder aufgetaut wurde; und Teenagern somit zumutbar ist) mit der Biobutter plus der jetzt matschigen Biobanane. Da wird die sparige Vorarlbergerin in einem so narrisch, da müssen die Teenager dann leider leiden und sich leere Drohungen anhören, dass man gerne künftig billiges Diskonttoastbrot und so weiter. Ich hatte halt keinen Hunger! Jaja. Und, ja, das war überzogen, und man wird sich bessern. Vielleicht morgen.

Zum Üben lachen wir jetzt heiter über den nervigen, kleinen Schwulen, der später von einer Freundin auf dem Frauenklo angetroffen und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das hier das Frauenklo sei, worauf er meinte, er dürfe das, er sei schwul.

Ach so! Dafür hat man also jahrelang gegen all die schwulenfeindlichen Paragrafen angeschrieben, dass man jetzt auf dem Frauenklo noch länger anstehen darf. Und dass die Womanof-the-Year-Awards nun von ehemaligen Männern abgeräumt werden. Alles super, ich bin ganz fröhlich und gelassen, doch.


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