Enthusiasmuskolumne Diesmal: Das beste Schaufenster der Welt der Woche

Ein Blick ins Innere der Konsumgeilheit

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015

Was glänzt verführerisch wie Lack und Leder? Die Christbaumkugel. Die Dior-Boutique am Wiener Kohlmarkt verzichtet heuer auf andere Anspielungen auf die kalte Jahreszeit, wie sie in Geschäften sonst üblich sind. Auslagengestalter benutzen gerne Kunstschnee oder Tannenzweige, um auf das kommende Weihnachtsfest hinzuweisen. Eine glühweinselige Stimmung soll die Shoppingtour in ein frommes Ritual verwandeln. In der Dior-Auslage sind lediglich Haufen von Christbaumkugeln zu sehen, was das Ereignis auf das Wesentliche reduziert: den geilen Glanz des Fetischs Ware.

Man würde sich am liebsten die Nase plattdrücken an der Fensterscheibe, so zieht einen das Glitzern und Glimmern in seinen Bann -wie in der eigenen Kindheit, als der von Kerzen erleuchtete Christbaum der Vorbote der kommenden Erlösung war: die möglichst genaue Erfüllung der im Brief an das Christkind geäußerten Wünsche.

Der Künstler Jeff Koons hat die Gier der Kinder beobachtet und Blumen- und Tierskulpturen mit den spiegelnden Glasuren der Weihnachtskugeln überzogen. Es sind Spielzeuge für Erwachsene, die sich mit den unermesslich teuren Objekten einen maßlosen Wunsch erfüllen. Die Dior-Designer produzieren keine aufwendigen Skulpturen, um diesen Effekt zu erzielen. Sie schütten einfach ein paar Säcke billiger Bling-Bling-Bälle in die Auslage.

Soziologen analysieren Luxus als Statussymbol und unterschätzen so den sinnlichen Reiz des Konsums. Das Betrachten der Dior-Dinger ist wie ein Zuckerschock. Sie lösen im Hirn ein Glücksempfinden aus, das an das ozeanische Gefühl nach der Einnahme von Ecstasy erinnert. So kann der Passant in das Innerste der Konsumgesellschaft blicken - ganz ohne Kaufzwang.


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