Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Ich bin ich

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015

Es war Vorweihnachts-, aber auch Vorwahlzeit im Falter. Alles drehte sich um Jörg Haider, Wolfgang Schüssel hatte die Koalition aufgekündigt, um ein vermeintliches historisches Fenster zu nutzen. Allgemein fürchtete man sich vor Schwarz-Blau. Der Falter brachte eine Serie mit dem Titel "Österreich?"- zumindest bis zu den Wahlen.

Ein junger Günther Kaindlstorfer interviewte dort einen jungen Konrad Paul Liessmann. Die Moderne sei zu Ende, aber die Postmoderne gehe auch nicht mehr, war dessen Diagnose. Er sehe keine neue Tendenz, sagte der Philosoph. Er stelle eine Rückkehr zum problematischen Fortschrittsbegriff der Moderne fest, das zeige sich in der Rede von "Modernisierung" und "Modernisierungsverlierern". Bei den Schriftstellerinnen machte er sich mit der Bemerkung beliebt, die Linke habe eine Reihe ungelöster Probleme, aber fern sei es ihm, sie zur Aufarbeitung aufzufordern. "Mir wär's ohnehin lieber, die österreichischen Autoren würden bessere Romane und Theaterstücke schreiben, als ständig in der Tagespolitik herumzudilettieren."

Johann Skocek widersprach an gleicher Stelle Rudolf Burger, der behauptet hatte, in der Ersten Republik habe es an Nationalgefühl gefehlt. Sein Gegenbeweis: das Wunderteam und die Medialisierung des Fußballs mittels Radioübertragungen.

Auf dem Cover setzte der Falter auf eine rechnerisch mögliche Ampel zwischen SPÖ, Grünen und Liberalen. Wobei der Redaktion völlig klar war, dass dazu auf allen Seiten (vielleicht vom liberalen Forum abgesehen) jeder politische Wille fehlte.

Dazu gab es ein Interview mit Vizekanzler Wolfgang Schüssel. Das waren noch Zeiten, als ÖVP-Chefs mir nichts, dir nichts mit dem Falter sprachen und das cool begründeten! Als wir Schüssel fragten, ob er mit Hans Dichand, dem Krone-Boss, rede, antwortete er gut gelaunt: "Ja, ich rede normal mit ihm. So wie mit anderen Chefredakteuren, wie mit Maier (Presse), Rabl (Profil) oder mit Ihnen." Im Übrigen: "Ich habe ja nichts hinter mir, keine Zeitung, kein elektronisches Medium, keine Macht, nichts. Ich bin ich."


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