Die Konzept-Pizza

Eine slowakische Restaurantgruppe eröffnete was Mediterranes vom Reißbrett

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

In den Nuller-Jahren herrschte in Bratislava, Brünn und Prag kulinarische Goldgräberstimmung. Enorme Nachfrage stand geringem Angebot an zeitgemäßer Gastronomie gegenüber. Das sorgte innerhalb kurzer Zeit für einen Investitionsrausch. Und die Investoren checkten sich nicht nur ein Lokal, sondern gleich vier, fünf, es war ein Wettrennen. Gastronomie-Konglomerate wie La Gare, Kampa-Group, Redmonkey, Kogo, Vyšehrad 2000 Group und Kolkovna-Group überzogen die tschechischen und slowakischen Großstädte mit systemgastronomischen Konzeptlokalen. Das größte von ihnen ist die so genannte Medusa-Group. Sie wurde 2003 mit einem Lokal namens Presto in Bratislava gegründet und besitzt mittlerweile eine nicht mehr wirklich überschaubare Anzahl von Lokalen 13 verschiedener Konzepte in der Slowakei, in Tschechien und auch in Wien. Hier eröffnete man 2012 das Medusa am Neuen Markt, eine Art mediterran-asiatische Fusionsküche, seit Anfang Oktober gibt es – ebenfalls am Neuen Markt – das Primi, ein mehr oder weniger mediterranes Pizza-Pasta-Grill-Konzept.

Der Platz ist historischer Boden, bis knapp nach dem Millennium war hier Feinkost Wild, ein legendäres, feingeistiges Delikatessengeschäft, das 2002 in ein missglücktes Konzept aus AMA-Feinkostladen samt Restaurant namens Culinarium Österreich gezwungen wurde, scheiterte, woraufhin das Geschäft nun zehn Jahre leer stand.

Die Slowaken leisteten ganze Arbeit. Dem riesigen Anwesen wurde ein Wohlfühl-Interieur aus Holz, Leder, Ziegel, gelbem Licht und noch einmal Holz verpasst, Wohlfühl-Fahrstuhlmusik mit recht viel Saxofon ist allgegenwärtig. Die Speisekarte ist eine Art Flugzeug-Magazin, das einem nicht nur zweisprachig vom Angebot berichtet, sondern auch von Venedig, vom Trend zu Yoga, von Superfood und frischen Kräutern. Künstlich, makellos, durchgestylt. Und plötzlich hat man dieses Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo man eigentlich ist, dieses Warten-auf-den-Anschlussflug-in-irgend-so-einem-Flughafenrestaurant-Gefühl. Dass der als optischer Mittelpunkt inszenierte Pizzabäcker seine Teigfladen nach der Vorlage, die hinter der Ecke hängt, zubereitet, reduziert die Panik nicht gerade.

Die „sizilianische Fischsuppe“ auch nicht. Es handelt sich um die Konzern-Minestrone, die in jedem der 13 Lokalkonzepte unter anderem Namen verkauft wird, auffrisiert mit fünf Shrimps, einem Calamari-Ringerl und einer Muschel (€ 6,90). Das Kaninchenragout zu den Tagliatelle könnte auch Huhn sein oder Tofu (€ 13,50). Die Entenbrust in Ingwer-Honig-Kruste ist zwar nicht asiatisch, schmeckt auch nicht nach Ingwer oder Honig, rechtfertigt ihren Preis aber immerhin durch pure Masse (€ 17,80). Anonymes Flughafen-Shoppingmall-Essen. Man ist froh, wenn man wieder draußen ist, an einem Würstelstand vorbeigeht und das Wurstwasser riecht. Das ist wenigstens echt.

Resümee:

Allzu viel Perfektion, allzu viel Konzept, allzu viel Mainstream-Orientiertheit machen die Sache auch nicht gerade gemütlicher.

Primi
1., Neuer Markt 10–11
Tel. 0676/56 10 398
Mo–Mi 9–1, Do 9–2, Fr, Sa 9–3, So 9–24 Uhr


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