Kino ohne erhobenen Zeigefinger

Das Festival This Human World setzt auf schwere Kost und dennoch genussvolles Filmschauen

Lexikon | Vorschau: Michael Omasta, Sabina Zeithammer | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015


Foto: Baldr Film

Foto: Baldr Film

Die Welt ist unübersichtlich geworden. „Wo bin ich hier?“, fragt eine Stimme leise aus dem Off. Es ist die Stimme eines jener tausenden afrikanischen Flüchtlinge, die seit Jahren in viel zu kleinen Booten in Richtung Europa aufbrechen.

Der niederländische Filmer Morgan Knibbe bedient sich bei der Gestaltung seines Festivalhits „Those Who Feel the Fire Burning“ eines gewagten dramaturgischen Kniffs: Der alte Mann aus dem Senegal, der die Geschichte erzählt, ist vor der Küste von Lampedusa ertrunken. Wie besoffen torkelt der Film, saust eine Drohnenkamera durch die Nacht. Erkenntnisgewinn wird man hieraus schwerlich ziehen können, die barock anmutende Bilderflut und das pochende Sounddesign reißen dennoch mit.

Zora Bachmann, künstlerische Leiterin des Filmfestivals „This Human World“, das heuer bereits zum achten Mal stattfindet, nennt „genussvolles Filmschauen“ ihr Credo, inhaltlich relevantes Kino „ohne erhobenen Zeigefinger“. Davon kann man sich während der kommenden neun Tage im Topkino, Schikaneder, Filmcasino und in der Brunnenpassage überzeugen.

Die rund 80 Titel des Programms sind Themen wie Armut, Flucht und Krieg zugeordnet; zudem gibt es noch Filme aus der Kaukasus-Region, neues Kino aus Lateinamerika und die Fortsetzung der queeren Off-Porno-Leiste „Every Time We Fuck We Win“.

In stylischem Schwarz-Weiß gehalten sind die „Stories of Our Lives“, die auf Geschichten von lesbisch-schwulen Menschen aus Kenia basieren. Die stärkste der fünf Episoden ist die letzte, „Each Night I Dream“, in der eine junge Frau namens Liz Nacht für Nacht denselben Albtraum hat: Was, wenn herauskommt, dass die Frau, mit der sie zusammenlebt, keineswegs ihre Schwester ist? Homosexualität wird in Kenia bis heute als Straftat geahndet.

Ein kompromisslos grimmiges Feel-bad-Movie ist Hamed Rajabis Drama „A Minor Leap Down“: Als Nahâl erfährt, dass ihr ungeborenes Baby gestorben ist, möchte sie sich ihrem Mann, ihrer Mutter oder ihrer besten Freundin anvertrauen, doch der richtige Moment scheint nie gekommen. So erkundigt sich die junge Iranerin, wie lange sie mit dem toten Fötus im Bauch überleben kann, und rechnet in einer Mischung aus Schockzustand und messerscharfer Klarheit als ehemals brave Tochter und Ehefrau mit ihrem Umfeld ab.

Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, widmen sich die Dokumentarfilme „Misfits“ und „River Memories“. Ersterer erzählt von queeren Jugendlichen in Tulsa, Oklahoma: Der exzentrische Ben träumt davon, einen Doktor kennenzulernen und als Hausmann nie wieder arbeiten zu müssen, Larissa wurde von ihrer Mutter hinausgeworfen und wohnt seither mit ihrer Freundin zusammen, und der nachdenkliche „D“ ist noch auf der Suche nach seiner sexuellen Identität. Verbunden sind alle drei durch ihre Besuche im Jugendzentrum „Openarms“, in dem gemeinsam gegessen, diskutiert, gefeiert und beraten wird. Regisseur Jannik Splidsboel gelingt es in seinem schönen Porträtfilm nicht nur, persönliche und berührende Einblicke in das Leben seiner Protagonisten zu gewinnen, er rückt auch die fatale Macht der Kirche in den Mittelpunkt. Im Bible Belt der USA übt sie massiven Einfluss auf die Menschen aus und ist für die Unterdrückung der queeren Community mitverantwortlich.

Ebenso ohne Kommentar kommt „River Memories“ der Zwillingsbrüder De Serio aus: Sie dokumentieren das Leben in einem italienischen Elendsviertel am Fluss Stura bei Turin. Über 1000 Menschen, großteils aus Rumänien stammend, lebten hier in Hütten zwischen Müllbergen; eine von Armut geprägte Subkultur mit improvisierter Kirche, Klatsch, Fernsehabenden, Einsamkeit und dicken Ratten. Ein Wohnprojekt siedelte die Bewohner 2014 in feste Quartiere um – mehreren hundert Menschen blieb diese Möglichkeit jedoch verwehrt.

Letztlich wurden die Hütten abgerissen, die Bewohner vertrieben. Ein Film, der zwar viele Fragen nach den Hintergründen der Siedlung und der Zukunft der Menschen offenlässt, mit seinen langen Einstellungen jedoch eine Fülle an Stimmungen einfängt. Gut sei es in ihren neuen Wohnungen, erzählen zwei Jugendliche auf einem Rummelplatz – aber fad.

Wie ein Fundstück aus einer anderen Zeit mutet auch „Biblioteka“ an, Untertitel: „Von Büchern, einsamen Frauen und einem Leser“. Schauplatz des Films von Ana Tsiminita ist die Bücherei der georgischen Kleinstadt Zugdidi, in der 25 Frauen arbeiten, so auch die Mutter der Regisseurin. Doch statt andächtiger Ruhe herrscht fröhliches Chaos, es wird getratscht und gequatscht, Klavier gespielt, Wäsche sortiert. Ein amüsanter Blick hinter die Fassaden eines Systems, das sich hoffnungslos überlebt hat.

This Human World, 3. bis 11.12.
Information: www.thishumanworld.com


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