Fragen Sie Frau Andrea

Köln, Kopros und der Kübel

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015

Überaus geschätzte sowie hochwohlgeborene (wie der alte Dr. Michael Stern selbst jemanden wie mich in Briefen tituliert hat) A.M.D.! Wir diskutieren alle paar Jahre erneut über den Mistkübel. Mein Väterchen hat diesen stets als "Komprophor" bezeichnet, während das andere Väterchen stets vom "Koprophor"(also ohne "m") sprach. Ohne Gewährleistung für meine verwendeten Schreibweisen, aber wie stets sehr zu Dank verpflichtet, mit besten Grüßen! Christa Karas, per E-Mail

Liebe Christa,

als Demokratin und Republikanerin bevorzuge ich weniger geschraubte Anreden. "Liebe Frau Andrea" genügt völlig! Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Hausmüll in der Wiener Innenstadt täglich, in den umliegenden Bezirken ein-bis zweimal wöchentlich abgeholt. Manipulation und Verladung waren geruchsintensive Vorgänge. In der politischen Diskussion zur hygienischen Verbesserung der Kehrichtabfuhr konkurrierten zwei Prinzipien, das Wechselkasten- und das Umleersystem. Wechselkästen wurden in Wien von Alexander Hartwich unter dem 1899 patentierten Namen "Koprophor" (griechisch für "Kotbehälter") vorgeschlagen und versuchsweise eingeführt. Dabei wurden verzinkte "Normalgefäße"(genormte Behälter) zur Abfallaufnahme aufgestellt und diese Gefäße nach Füllung in einen mit eisernen Rollbalken staubdicht abgeschlossenen Sammelwagen eingeschoben und weitertransportiert. 16 bis 45 Stück solcher Gefäße - nach zeitgenössischen Angaben sechs Kubikmeter Kehricht - konnten in einer Fuhre abtransportiert werden. Weil die Sammelbehälter nicht entleert, sondern zur Gänze ausgetauscht wurden, trat kaum Staub oder Gestank zutage. Die Methode war allerdings kostspielig, so wurde 1918 entschieden, das in Köln bereits bewährte (und nach der Stadt am Rhein benannte)"Colonia"-System in Wien zu testen. Dabei wurden die Sammelkübel in Müllwagen mit einer speziellen Staubschutzvorrichtung entleert. In den folgenden Jahren wurden in sämtlichen Innenhöfen Wiens "Coloniakübel" aufgestellt. Als die Umstellung 1923 abgeschlossen war, waren 173.478 Coloniakübel in Verwendung. Onomastisch hat jenes Ihrer "Väterchen" recht, das den Begriff "Koprophor" auf den "Coloniakübel" übertrug.

Twitter: @Comandantina


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