Stadtrand Urbanismuskolumne

Eine Straßenbahn am Dienstagmorgen

Lukas Matzinger findet, dass die Straßenbahn viel schönere Geschichten als die U-Bahn erzählt

Stadtleben | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015

Gehstock, Smartphone, Frühstückskebab - eine Straßenbahn am Dienstagmorgen. Bei jedem Halt weht der Wind durch die einst gut frisierte Kopfhaarsammlung. Den alten Damen sind beim Aussteigen die Stufen aber viel zu hoch. Es riecht nach Wien.

Frau mit Hut erzählt ungefragt von ihrem ersten Mann, der sehr krank, aber sehr wohlhabend war, und verwendet dafür echt Wörter wie wohlhabend. Frau ohne Hut nickt immerhin höflich. Mann mit Kappe lächelt. Ihre Vierergarnitur ist ganz gut unterhalten.

Die irgendwie dann doch immer erfolgreichen Selbstoptimierer mit Mantel wissen schon beim Einsteigen genau, dass sie in genau diese Tür einsteigen müssen, weil beim Aussteigen dann genau diese Tür am nächsten zu ihrem Ziel sein wird. Man beneidet und hasst sie, ohne schlechtes Gewissen.

Und dann die Alten, die irgendwelche Arztrezepte präsent überm Schoß halten oder sonst so große Befunde von Röntgeninstituten, als würden sie nichts lieber wollen, als mit schnellen Straßenbahnbekanntschaften akut und ausschweifend über ihre großen und kleinen Leiden zu reden.


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