Film Retrospektive

Statistik und Poesie: GPO Film Unit im Filmmuseum

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 49/15 vom 02.12.2015

Die Überwindung von Distanzen ist ein selbstverständlicher Vorteil moderner Kommunikation. Sie erlaubt es, Nachrichten aus der Ferne in unseren eigenen Wänden zu empfangen. Das Staunen darüber hat man längst verlernt. Der kleine Filmzyklus blendet zurück in eine Epoche, in der Nah- und Fernerfahrungen noch keine Selbstverständlichkeit waren.

The GPO Film Unit, die Filmabteilung der Royal Mail, war eine veritable Wunderkammer: Die Post wurde unverhoffter Mäzen der Avantgarde, der nicht nur den eigenen Leistungen ein Denkmal setzen, sondern auch den einen Blick hinter die Kulissen ihres eigenen Alltags eröffnen sollte. Unter Leitung von John Grierson wurde dort in den 1930er-Jahren ein eigener Stil des dramatisierten Dokumentarfilms kultiviert. Die kurzen Arbeiten von Humphrey Jennings, Harry Watt und anderen unterstreichen einerseits die heroische Verlässlichkeit der Institution, sind fasziniert von Arbeitsprozessen, die sich tagtäglich und nun aktuell vor den Augen der Kinogänger bewähren. Ihre Fortschrittstrunkenheit erschöpft sich nicht im Beschwören von Mobilität und Tempo. Die GPO Film Unit wagte eine dezidiert linke, kosmopolitische Perspektive auf das Selbstverständnis der Nation, warf Schlaglichter auf soziale Missstände.

Dieser Schmelztiegel aufstrebender und internationaler Talente ermutigte Wildwuchs. In den Trickfilmen des Neuseeländers Len Lye durchläuft die Wirklichkeit muntere Metamorphosen; der Brasilianer Alberto Cavalcanti unterlegt sie mit einer suggestiven Tondramaturgie. Benjamin Britten erhält hier erste Kompositionsaufträge. Gestandene Literaten wie W.H. Auden und J.B. Priestley verfassen Off-Kommentare voll statistischer Präzision und poetischem Überschuss. Die Unesco wusste schon, weshalb sie die GPO-Produktionen 2011 ins Weltkulturerbe aufnahm.

Österreichisches Filmmuseum, 9. bis 16.12. (OF)


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