Theater Kritik

Das wahre Grauen liegt im Zumbakurs verborgen

Lexikon | SS | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Sie ist noch jung, aber nicht mehr so jung, dass sie noch Jungs zusammenschlagen würde, wie sie es früher getan hat. Sie ist aber auch noch keine Ü40 und das Interesse an Sex hat sie auch noch nicht verloren.

Sie ist allein zuhause. Ihre Mitbewohnerinnen, mit denen sie übers Internet selbst hergestelltes Viagra vertreibt, sind unterwegs. Die eine macht irgendwas mit Handtaschen und studiert BWL, die andere ist beim Zumba. Sie trinkt Wodka aus Glasflaschen, wird ständig per Skype, ICQ oder SMS kontaktiert und versinkt in Liebeskummer, weil Lina, in die sie sich verliebt hat, ihr vom Sex mit irgendwelchen Typen schreibt.

Sabine Haupt ist diese Sie aus Sybille Bergs Monolog "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" (Regie: Martina Gredler) in silbernen Leggins und rosa Hotpants. Sie ist ein Showgirl, das in Highheels auf Jutesäcken (Bühne: Jura Gröschl) balanciert und einem gewissen Paul ein Video zum Geburtstag macht. Wer dieser Paul ist, wird das Publikum erst zum Schluss erfahren. Die Auflösung mag grausamer sein, als man zu Beginn dieses komischen Abends vermutet.

Bergs Text ist grandioses Trend-Bashing: "Wir schauen ironisch Youporn und Casting-Model-Shows", heißt es da und: "Wir knutschen selbstverständlich geschlechtsneutral." Über Zumba sagt sie: "Ich war dort, ich habe es gesehen, es war das Grauen." Haupt, die keine Anfang 20 mehr ist, ist eine gute Besetzung für die Rolle der Jungen, die ums Ende der Jugend fürchtet. Man wusste gar nicht, wie komisch sie sein kann. Der lustigste Moment ist, wenn sie eine Tanztheater-Off-Produktion nachmacht und inbrünstig hofft, im Alter nicht mehr zu so blöden Veranstaltungen gehen zu müssen. Man hofft mit ihr.

Burgtheater, Vestibül, Mi 20.00


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