Mediaforschung Verführungskolumne

Gänsehaut-Werbung und das Spiel mit dem Unterbewusstsein

Medien | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Opa isst allein vor dem Weihnachtsbaum. Seine erwachsenen Kinder haben ihm gerade per Telefon fürs große Fest abgesagt. Sie sind auf der Welt verstreut, leben ihr Leben, haben Besseres zu tun. Abblende.

Die Kinder bekommen eine Nachricht: Papa ist tot. Sofort packen sie ihre Koffer fürs Begräbnis. In Schwarz gekleidet umarmen sie sich vor dem Elternhaus. Als sie es betreten, entdecken sie eine gedeckte Tafel. Der Greis lugt aus der Küche hervor. "Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen?", fragt der lebendige Vater. Weihnachtsfriede, Freude, Eierkuchen.

Mit diesem Clip ist der deutschen Kaufhauskette Edeka der nächste große Wurf gelungen. 2014 bewarb der sehr coole Musiker Friedrich Liechtenstein zum Lied "Supergeil" Waren von Edeka und räumte 15 Millionen Klicks auf Youtube ab. Die Weihnachtsgeschichte steht nach einer Woche schon bei 34 Millionen.

Edeka rückt diesmal die Geschichte in den Vordergrund und unterlässt dabei Produktwerbung, die nur stören würde. Der Konzern will seine Marke als Ganzes mit heimeligem Gänsehautgefühl aufladen. Wenn wir an den Großeinkauf für den Weihnachtsabend denken, wird sich unser Unterbewusstsein an Edekas Erzählung von Familie, Wärme, und Liebe erinnern.

Welch Ironie! Werbung befeuert den Konsum und treibt unseren Drang nach Individualisierung an. Das lässt wiederum selbst die Tradition des familiären Weihnachtsfestes erodieren. Und wer will sie retten? Ein Konsumtempel. Mit einer Werbung.


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