Kommentar Erinnerungspolitik

Vom Drama zur Historie: das angebliche Opfer Maria Lassnig

Falter & Meinung | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Der Schriftsteller Jan Koneffke machte nach dem Tod eine schreckliche Entdeckung. Sein Vater, ein bekannter linksliberaler Pädagogikprofessor, war als junger Soldat zum Kriegsverbrecher geworden. Gernot Koneffk e hatte dem Sohn seine braune Vergangenheit verschwiegen (siehe auch S. 31). Einen ungleich harmloseren Fund machte die Akademie der bildenden Künste: Auszeichnungen aus der NS-Zeit für Maria Lassnig (S. 35). Die Malerin hatte sich zur widerständigen Künstlerin stilisiert, die aufgrund ihrer "entarteten" Malweise aus der Meisterklasse geflogen sei. Die Dokumente zeichnen ein anderes Bild, das einer angepassten Studentin.

Beide Fälle sind ein Indiz dafür, dass die Zeit der persönlichen Abrechnungen zu Ende geht. Vor wenigen Jahren noch musste Nobelpreisträger Günter Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS und das jahrzehntelange Schweigen darüber öffentlich rechtfertigen. Die familiäre Auseinandersetzung mit der dunklen Vergangenheit der Eltern prägte mehrere Nachkriegsgenerationen. Was hast du in der Nazizeit gemacht? Diese Frage ermöglichte es den Kindern, sich moralisch über die Väter und Mütter zu erheben. Die Trauer über die Unfähigkeit zum Trauern bestimmte das Selbstverständnis der Jugend weit über das Wendejahr 1968 hinaus. Nun wird aus den mit Schuld-und Schamgefühlen besetzten Konflikten das Material für historische Recherchen.

Die meisten Täter sind tot, und damit verschwindet auch die Möglichkeit, den Generationenkonflikt über das Thema NS-Zeit auszutragen. Die Archive werden weitere Helden vom Sockel stürzen. Die Nachwelt wird von ihnen enttäuscht sein, aber nicht mehr zu Gericht sitzen.


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