Flucht nach Ägypten

Ein ehemaliges Chinarestaurant braut jetzt eigenes Bier - der Wille ist da

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Das Gasthaus zur Flucht nach Ägypten kommt in Heimito von Doderers „Strudelhofstiege“ durchaus prominent vor, wie die meisten der von ihm beschriebenen Wirtshäuser gab es das Lokal dieses Namens wirklich. Wenn man auf Google danach sucht, findet man ein paar wunderschöne Franz-Hubmann-Fotos von der Gaststube aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Irgendwann wurde das Gasthaus mit dem fantastischen Namen dann zum China-Restaurant zur chinesischen Mauer, siechte als solches jahrelang dahin, ging schließlich sang- und klanglos ein.

Freitag vor einer Woche machte es wieder auf, von Ägypten ist zwar keine Spur, von Flucht auch nicht, aber dafür scheint die ursprüngliche Lambris freigelegt und wiederverwertet worden zu sein – wenngleich grau gestrichen, so wie fast das ganze Lokal.

Aber Grau ist gerade cool, ebenso wie selbstgebrautes Bier, Burger und Pastrami-Sandwiches, weshalb das neue Lokal des Amerikaners David Beaver all das bietet: Im hinteren Bereich eines der beiden Säle, der mit Holzboden und der unvermeidlichen Ziegelwand ausgestattet wurde, prangt eine kleine Hausbrauerei mit 250 Liter Fassungsvermögen, in der zukünftig drei reguläre und ein paar spezielle Biere gebraut werden sollen. Eines der drei, das Zwickl, stammt derweil noch von einer Kleinbrauerei, deren Name nicht genannt werden konnte/wollte, auch der Name des Braumeisters konnte nicht verraten werden, seltsam irgendwie. Das vermeintlich vor Ort gebraute Pale Ale, das sein Aroma von zwei Hopfensorten bekommt, Cascade und Tettnanger, ist jedenfalls großartig, schön balanciert und appetitanregend.

Womit wir beim Essen wären, das leider – traditionell ein Schwachpunkt in Braulokalen – völlig unoriginell ausfällt: Caesar Salad, Burger und Sandwiches. Ich mein, eh okay, aber das Thema Burger ist in Wien halt jetzt echt schon sehr durch und es gibt einfach so viele, dass es wirklich nicht leicht ist, da bei der Spitze mitzumischen. Dem Beaver Brewing gelingt es mit dem Cheeseburger jedenfalls nicht, die Weckerln sind zäh, das 180-Gramm-Fleischlaberl trocken, der Cheddarkäse verbrannt, immerhin das kleine Patzerl Coleslaw schmeckte ziemlich gut (€ 9,80).

Beim Pastrami-Sandwich scheint die Ambition etwas größer, schließlich wird die heißgeräucherte, gewürzte, gepökelte Rinderbrust selbst hergestellt – was halt nur auch keine Erfolgsgarantie ist, wie man sieht: Das Beaver-Pastrami erinnert eher an einen Rindersaftschinken, wird im Sandwich erstaunlicherweise mit Käse und – noch erstaunlicher – einer Zwiebel-Speck-Sauce kombiniert. Auf die Idee muss man erst einmal kommen (€ 9,60).

Aber wurscht, das Lokal ist definitiv nicht schlecht, der Wille zum guten Bier scheint zu existieren und beim Essen fasst man vielleicht noch ein bisschen Mut, den ausgetretenen Pfad ein wenig zu verlassen.

Resümee:

Wo einst Doderer saß und Hubmann fotografierte, wird jetzt Craft Beer gebraut und Pastrami gepökelt. Ein bisschen Übung fehlt noch.

Beaver Brewing Company
9., Liechtensteinstr. 69
So–Do 12–24, Fr, Sa 12–1 Uhr
www.beaverbrewing.at


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