Film Neu im Kino

Von Sri Lanka nach Paris: "Dheepan"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Die Reise selbst ist nicht zu sehen. Gerade warf Dheepan, Soldat der tamilischen Separatistenbewegung in Sri Lanka, noch seine Uniform auf das Flammengrab seiner Kameraden, schon bietet er blinkenden Krimskrams in den Straßen von Paris feil. Die Flucht gelang ihm gemeinsam mit der jungen Yalini und dem Waisenmädchen Illayaal: Einander völlig fremd, geben sie sich als Familie aus. Bald darauf wird ihnen eine Hausmeisterwohnung samt Hausmeisterjob zugewiesen, Illayaal geht zur Schule.

Im Banlieue-Wohnblock angekommen, nimmt Jacques Audiards "Dämonen und Wunder - Dheepan" sich viel Zeit. Jeder versucht zu funktionieren, Konflikte zwischen den traumatisierten Flüchtlingen brechen auf, langsam wachsen sie zusammen. Und beginnen zu verstehen, dass sie wieder in einem Krieg gelandet sind: Die Wohnung eines Mannes, den Yalini als Haushaltshilfe betreut, ist Zentrum eines Drogenhändlerrings, der freundliche Brahim, mit dem sie sich unterhält, ohne ihn zu verstehen, dessen Kopf. Als die Gewalt eskaliert, erwacht in Dheepan der Kämpfer zu neuem Leben.

Dass die wilde Mischung, die "Dheepan" darstellt, hervorragend funktioniert, ist seiner Stimmung geschuldet. Großteils die Geschichte dreier Flüchtlinge in Paris, wird keine Sekunde auf die Tränendrüse gedrückt. Außergewöhnlich ist die lebendige Kamera: Sie lugt durch Türspalten, erforscht die Gesichter in Großaufnahme, schlüpft scheinbar in die Rolle der Hauptfiguren, um sich als Geist zu entpuppen, wenn alle drei ins Bild kommen, hastet Dheepan beim Showdown auf Kniehöhe durch Rauch und Blut hinterher. In seiner kühlen Distanz und gleichzeitigen Intensität verwandt mit Nicolas Winding Refns "Drive", wurde "Dheepan" heuer mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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