Ohne Zündung: Herbert Fritsch inszeniert an der Burg Molière

Feuilleton | THEATERKRITIK: SARA SCHAUSBERGER | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Am Anfang ist der Auftritt dreier mechanischer Cembali. Erst spielen sie gediegene Melodien, dann werden sie immer schneller, die Bühne wechselt rasant ihre Farben, bis es plötzlich still wird und simple Röntgenbilder die Wände zieren. Barock trifft in "Der eingebildete Kranke" auf moderne Mechanik, der französische Dramatiker Molière auf den deutschen Regisseur und Bühnenbildner Herbert Fritsch.

Der Regiespätzünder und ehemalige Castorf-Schauspieler ist bekannt für Stücke, in denen er einen Gang höher schaltet. Das ist auch in der aktuellen Inszenierung so. Joachim Meyerhoff spielt die titelgebende Figur Argan nicht als Kranken, sondern als Wahnsinnigen, dem die Haare zu Berge stehen. Er tänzelt über die Bühne, jammert über die Kosten der Medizin, macht "Darm mit Charme"- Witze und streckt zum Schluss seinen roten, mitgenommenen Hintern ins Publikum. "Krank und schwach", wie er ist, "will er einen Arzt als Schwiegersohn".

Der Möchtegern -Verlobte Thomas (Simon Jensen) stolpert mit großem Ausdruck über die Bühne. So wie alle Ärzte an diesem Abend hat er gruselig lange Nägel und ist eine sichtbare Zumutung für Argans Tochter (Marie Luise Stockinger).

Es ist ein starkes Ensemble. Markus Meyer gibt sich seiner Rolle als Dienstmädchen mit großer Komik hin, Dorothee Hartinger trägt zum ausladenden Barockkleid einen hohen pinken Lockenturm am Kopf (Kostüme: Victoria Behr) und spricht die Worte so verkehrt aus, dass sich ihre Bedeutung komplett verändert.

Trotzdem will der Abend nicht richtig zünden. Herbert Fritsch kann lustiger, präziser, anarchischer und wilder sein, wie das Wiener Publikum bei den diesjährigen Festwochen erleben konnte, wo er mit seiner Berliner Inszenierung "Ohne Titel Nr. 1" zu Gast war. Das Stück war abstrahiertes Musiktheater ohne Worte. Der Verdacht liegt nahe, dass dem Nonsens - Regisseur das Wortlose vielleicht besser steht.

Nächster Termin: Burgtheater, 19.12., 18.00 Uhr


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