Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Verrat

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Eine Schicksalswahl stand an. Lapidarer als der Falter kann man so ein Datum nicht markieren. Kreuz überm Kreis, Überschrift: "Der Tag". Fertig. Darunter drei Namen: Tuzla (die Spendenaktion des Falter lief), Schuh und Vranitzky. Mit beiden Herren wurden Interviews zum Wahltag geführt, der eine war Bundeskanzler, der andere hatte gerade seinen ersten Roman vorgelegt. Mit beiden sprachen wir über die Krise. Franz Vranitzky (SPÖ) sah keine. Er sagte: "Es gibt keine Krise. Es gibt nur einen überflüssigen Wahlkampf." Nämlich einen, den sein Vizekanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) vom Zaun gebrochen hatte, um Schwarz-Blau einzuläuten. Wir stellten Vranitzky auch eine Frage, die sich als treffend erweisen sollte: "Herr Bundeskanzler, wird das ihre letzte Wahl?""Ich bin immer erste Wahl", antwortete der. Aber es sollte tatsächlich seine letzte Wahl werden.

Ehe wir zu Franz Schuh kommen, sollten wir kurz eines Inserats gedenken, auf dem 66 österreichische Intellektuelle und Künstler "Gegen Schwarz-Blau. Für Österreich" votierten. Die inhomogene Liste enthielt Namen wie Rudolf Burger, Georg Danzer, André Heller, Jazz-Gitti, Ioan Holender, Gertrude Tumpel-Gugerell, Peter Weibel und Christoph Zielinski.

Franz Schuh veröffentlichte seinen ersten Roman "Der Stadtrat. Eine Idylle". Über sein Buch und seine Arbeitsweise sagte er: "Es werden ununterbrochen in dieser Idylle Meinungen aufgewirbelt, und wenn ich einen Leser finde, der jede dieser von mir zusätzlich aufgewirbelten Meinungen ernst nimmt, muss der schön verrückt sein. So verrückt halt wie jeder, der da drin vorkommt, so wie es jeder eigentlich sein müsste, wenn er diese Existenz, die wir da führen, tatsächlich so ernst nimmt, wie er aus irgendwelchen sozialen oder anderen Gründen vorgibt, sie ernst zu nehmen. Das ist aber keine Ausflucht in den Spaß, sondern der ernsthafte Versuch,,die Antiquiertheit des Ernstes' zu besprechen Die Figuren sind alle ich Ich würde es auch nicht wagen, über irgend jemand anderen zu schreiben. Über andere Menschen zu schreiben ist Verrat."


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