Selbstversuch

Wo die Umwelt natürlich auch sagt: Tja

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Die Teenager essen jetzt kein Palmöl mehr, also nichts, in dem sich Palmöl findet. Das ist natürlich lobenswert, auch wenn es einem im Prinzip sehr viel lieber wäre, sie würden eine Sache mehr essen, als noch eine oder diesfalls sehr viele weniger als eh schon.

Sie essen ja ohnehin bereits vergleichsweise nichts, was einen täglich in die Glut treibt und die Teenager wünschen lässt, man wäre doch ein wenig weniger anwesend als man ist: weil wo keine Mutter, da keine blöden, nervigen Vorträge über regelmäßige und gesunde Ernährung und dergleichen.

Oder morgendliche Sarkasmusattacken, denen man als morgenmuffelige Erziehungsberechtigte leider ohnmächtig ausgeliefert ist, wenn man einem Teenager zusieht, wie er mit angewidertem Ausdruck an seinem Frühstücksbutterbrot schnuppert. Nur kurz, dann bemerkt der Teenager, dass er bemerkt wird, und man kann sehen, wie das Räderwerk im Teenagerkopf zu arbeiten beginnt, welches da drin eine Liste herunterrattert, auf welche Transportdienste oder finanzielle Zuwendungen der Mutter man an diesem Tag angewiesen ist.

Worauf der Toast doch zur Verspeisung gelangt, mit maximal möglicher Freude auf dem Teenagerantlitz: Danke für das gute Frühstück, liebe Mutter!! Gerne, mein liebes Kind. Wobei die neue Palmöl-Ächtung für jenen Teenager, der ja eigentlich eh alles isst, sofern es aus Schokolade besteht, eine wirklich heftige Prüfung darstellt. Denn Palmöl ist ja nicht nur in so etwa gar allem drinnen, das man nicht selber angebaut oder geschlachtet und dann zubereitet hat, sondern ganz speziell in allem, was süß ist und aus Schokolade.

Und es ist der guten Laune der Mutter wenig dienlich, dass dieses Palmölverbot und die damit verbundene Lebensstiländerung ausgerechnet in eine Jahreszeit fällt, die praktisch vollumfänglich dem zügellosen Schokoladeverzehr gewidmet ist.

Keine Saison eignet sich für rigorosen Palmölverzicht weniger als die Vorweihnachtszeit. Das bemerkt man spätestens bei der Befüllung des Adventkalenders, im Zuge derer man vor dem Bio-Fairtrade-Schokolade-Regal errechnet, dass man, wenn man jedes der 48 Sackerl mit so einem Minitaferl hübsch verpackter Milchschokolade füllerte, überschlagsmäßige Adventkalenderkosten von circa 58 Euro zu verbuchen hätte. Bei aller Liebe.

Man behilft sich dann mit einer Großpackung braver Schokodinkelkugerl sowie einer Rolle Alufolie, wo die Umwelt natürlich auch sagt, tja, also. Aber first things first, und jetzt muss erst einmal die Entwicklung des Bewusstseins für die Herkunft von Nahrung begrüßt und unterstützt werden, tut mir leid.

Später studiert man, während man arglos Erbswurstsuppe mit Würsteln löffelt, die Ingredienzenliste auf der Packung, und was? Palmöl, genau. In der "Erbswurst seit 1889", weil offenbar auch schon unsere Urururlis im 19. Jahrhundert mit Palmöl kochten. Bravo und Mahlzeit; wieder etwas, was es bei uns nicht mehr gibt.


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