Film Retrospektive

Genial vor und hinter der Kamera: John Cassavetes

Lexikon | MO | aus FALTER 50/15 vom 09.12.2015

Einer größeren Öffentlichkeit ist er vor allem als Schauspieler bekannt. Schon früh in seiner Karriere wurde John Cassavetes (1929-1989) auf zwielichtige, verstörte Typen festgelegt, deren Darstellung er in den 1960ern, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, in Krimis wie Don Siegels "The Killers" oder Robert Aldrichs starbesetztem Weltkriegsfilm "The Dirty Dozen" perfektionierte.

Sein schiefes Grinsen, die schier endlosen Sekunden, in denen seine Leinwandcharaktere zu zweifeln scheinen, was sie als Nächstes tun sollen, wurden zu Markenzeichen einer Schauspielkunst, die sich in Cassavetes' eigenen Regiearbeiten quasi verselbständigte. 1959 legte er mit "Shadows" sein Regiedebüt vor, ein Film wie Jazz, gedreht auf 16 mm in Kreisen der New Yorker Bohème. Fortan trachtete er, der sich zeitlebens einen "Amateur als Regisseur und Profi als Schauspieler" nannte, eine unverkennbare Handschrift zu entwickeln: Wie besessen lotete er die Grenzen des "Realismus" auf der Leinwand aus, die Charaktere respektive ihre Darsteller waren immer wichtiger als der Plot. Zu den Mitgliedern seiner Filmfamilie, die über 20 Jahre immer wieder zusammenkam, gehörten Schauspielkumpel wie Ben Gazzara, Peter Falk, Seymour Cassel und, allen voran, Cassavetes' Ehefrau Gena Rowlands - die Titelheldin von "Minnie and Moskowitz","A Woman Under the Influence" und "Gloria".

Doch vielleicht sind es gerade die seinerzeit bei der US-Kritik verhassten Werke, die heute gesonderte Beachtung verdienen. So etwa "The Killing of a Chinese Bookie", eine Neo-Noir-Studie von Los Angeles mit Ben Gazzara (1976), oder das grenzgeniale Ensemblestück "Opening Night"(1978). Nur in einem einzigen Film spielten beide, John und Gena, die Hauptrollen: "Love Streams" von 1984, die Geschichte zweier Geschwister und Cassavetes' letztes Meisterwerk.

Bis 6.1. im Österreichischen Filmmuseum


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