Tiere

Schwärmereien

Falters Zoo | aus FALTER 51/15 vom 16.12.2015


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Wien. Einkaufssamstag. Mariahilfer Straße. Angesichts der sich bewegenden und bewegten Massen stellt sich die Frage nach der Intelligenz solcher Schwärme. Im Tierreich wird darüber schon lange geforscht, gerätselt und gruppiert. Ja genau, gruppiert, denn zuerst müssen diese sich massenhaft bewegenden Lebewesen in Mengenbegriffe eingeteilt werden. Die Logik dahinter erscheint nicht nur, sondern ist auch willkürlich. Warum auf der Weide nicht ein Rudel, sondern eine Herde Kühe steht, beschäftigt Menschengehirne und füllt Webforen. Der feine Unterschied liegt in der Anonymität der Mitglieder. Beide Bezeichnungen verwendet man nur für größere Säugetiere (Ratten bilden Nester) und – Ausnahme – flugunfähige Vögel (Strauße leben in Herden, nicht Schwärmen). Der feine Unterschied besteht nur im Grad der Anonymität der einzelnen Individuen.

Im Rudel gibt es Chefs, Untertanen und meist auch Arbeitsteilung. Wir lernen: Menschengruppen auf der Mariahilfer Straße nennt man Herden, in Büros hingegen Rudel!

Im Lebensraum Wasser gelten andere Regeln: Hier nennt man Gruppen von Fischen, die sich scheinbar geisterhaft koordiniert wie ein Superorganismus bewegen, Schulen. Der Facebook-Funfact „Ein Schwarm Delfine ist eine Schule“ ist deswegen falsch, weil diese Tiere bekanntlich Säugetiere sind. Wir lernen weiter: Es gibt also auch Herden, die nicht trampeln, sondern …plantschen.

Ist aber nur eine lose soziale Gruppe gleicher Fischarten in dieselbe Richtung unterwegs, dann spricht der anglophone Mensch vom „shoaling“. Das ist vergleichbar mit dem morgendlichen Radverkehr, wo große Gruppen von Zweiradlern sich zu beeindruckenden Gebilden zusammenschließen, denen selbst Autohaie nicht zu nahe kommen wollen. Doch nicht nordkoreanische Synchronizität prägt diesen Radorganismus, sondern spontaner Individualismus, wenn übermotivierte Rennradindividuen ausbrechen und sich an den anderen vorbeischlängeln. Im urbanen Sprachgebrauch nennt man dieses Verhalten ebenfalls „shoaling“. Und ein weiterer Ichtyologismus hat sich etabliert: „Salmoning“ – also Schwimmen wie ein Lachs – ist die Fahrt gegen den Strom bzw. die Richtung des Radwegs.

Wien. Einkaufssamstag. Mariahilfer Straße. Shoaling ist okay, Salmoning hingegen geht gar nicht.


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