Kommentar Zeitgeschichte

"Mein Kampf" wird neu aufgelegt, und das ist gut so!


Barbara Tóth
Falter & Meinung | aus FALTER 51/15 vom 16.12.2015

Bücher gehören nicht verboten, auch sehr, sehr böse Bücher nicht. Mit Ende des Jahres 2015 läuft nach 70 Jahren das Urheberrecht auf Adolf Hitlers "Mein Kampf" ab. Dann kann jeder deutsche Verleger, der will, den Schmarrn nachdrucken -und muss maximal das Verbotsgesetz (in Deutschland den Volksverhetzungsparagrafen) fürchten. Britische und amerikanische Verlagshäuser durften es auch bisher schon.

Das ist gut so. Auch wenn es kaum ein anderes Buch gibt, das so viele Mythen, Ängste und Spekulationen weckt wie Hitlers "Mein Kampf", ist es höchste Zeit, es zu "neutralisieren". Gerade in Zeiten, in denen ganz offen über das Verbot von Verteilungen heiliger und in den Augen anderer unheiliger Bücher diskutiert wird.

Im Internet sind Hitlers Texte ohnehin längst zahl-und straffrei zu ergooglen. "Mein Kampf" ist schon eine ganze Zeit in der Welt und findet immer wieder aufs Neue Leser, Anhänger und Agitatoren. Wesentlich für die Entmystifizierung wird jene kritisch kommentierte Neuauflage sein, die Anfang Jänner vom renommierten "Institut für Zeitgeschichte" herausgegeben wird. Sie wird den Standard für die Wissenschaft setzen, mit 2000 Seiten, 3500 wissenschaftlichen Anmerkungen, die parallel zum Originaltext verlaufen, zwei Bände stark. In Frankreich will der Verlag Fayard eine Neuübersetzung auf den Markt bringen, ebenfalls unter der Ägide einer Historikerkommission.

Genau das versteht man unter historisch-politischer Aufklärung. Was Hitler einst schrieb, zu hinterfragen, aufzuzeigen, wo er irrte und wie er sich sein Weltbild zusammenklaubte, hilft mehr, als sein Buch zu verbieten - und es damit weiter zum Mythos zu machen.


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