Selbstversuch

Also, wo ist jetzt der Leberkäs?


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 51/15 vom 16.12.2015

First World Problems: Immer, wenn einem gerade ein guter Satz eingefallen ist, wenn man sich hingesetzt hat und zu formulieren beginnt und gerade dabei ist, diesen frischen, guten Gedanken richtig lässig auszubauen, klingelt es. Die Post. Ein Paket. Irgendwas. Man drückt auf den Summer und wartet an der Tür, bis endlich der Lift startet und hochfährt, man tritt von einem Bein auf das andere und spürt, wie der Gedanke verblasst und davonrutscht, man versucht, den Gedanken festzuhalten, und als der Bote endlich vor der Tür steht, schlägt der Strichcode auf seinem Gerät nicht an, und er muss alles noch einmal eintippen. Der Bote ist sehr nett und freundlich, und man möchte ihn anbrüllen: Tu weiter! Mach schon! Und der Zorn, der in einem aufsteigt, während man ihm zuschaut und wartet, mit schwitzigen Trinkgeldmünzen in der Hand, schwemmt den Rest des Gedankens endgültig weg, und das war's.

Beim Billa gibt es keine Orecchiette mehr.

Man schaut einem Teenager dabei zu, wie er Feuer im Ofen macht. Und man will den Teenager einmal machen lassen. Und wird halb wahnsinnig, während man den Impuls unterdrückt, den Teenager zu belehren, zu sagen: Du hör mal, das Papier und das Unterzündholz sollten, was eigentlich logisch ist, unten sein, sonst brennen die dicken Scheite nicht an, auch wenn es - okay, da hast du recht - sehr viel cooler ausschaut, wenn der Unterzund oben auf den Scheiten abfackelt. Ja, Überraschung, jetzt ist das Feuer wieder aus.

Das alles sagt man nicht, sondern lächelt lieb und schaut geduldig zu, während man fühlen kann, wie die Temperatur fällt, Grad um Grad.

Man kann keine SMS-Wiener-Linien-Fahrscheine mehr mit einem Klick kaufen, nur noch mit einer komplizerten, altersweitsichtigenfeindlichen App, durch die man sich durchklicken muss und die einen dann zwingt, ein Passwort in winziger, nicht vergrößerbarer Schrift in ein winziges Feld einzutippen, auf dem Weg, ohne Brille, ständig vertippt man sich, es dauert ewig und ist eine Qual. Nein, eine Netzkarte rentiert sich nicht. Und die Trafik direkt bei der Bimstation führt keine Fahrscheine mehr, warum dürfen die das überhaupt? Und man muss immer länger auf die Bim warten.

Der Friseur hat einem die Stirnfransen viel zu kurz geschnitten.

Seit Jahren muss man Familienmitgliedern immer wieder vermitteln, dass Schreiben Arbeit ist. Und dass man dafür Ruhe braucht, Ungestörtheit, Unangequatschtheit. "Kannst du mir " "Kind, schau, ich arbeite." "Ja, sorri, wo ist der Rest vom Leberkäse von gestern?" "Ich sagte, ich arbeite." "Ja, ich hab's gehört, also, wo ist der Leberkäs?" "Im Kühlschrank, nehm ich an, darf ich jetzt weiterarbeiten?" "Da ist er nicht." Ffffffff.

Weil ein wunderbares Weihnachtsfestl das andere ablöst, ist man immer müde.

Und der Bauch tut jetzt schon weh vom vielen guten Essen.

Und Weihnachten hat noch nicht einmal richtig angefangen.


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