Die Neuerfindung des Karfiols

Der israelische Promikoch Eyal Shani füllt Pitas in Wien


Lokalkritik: Florian Holzer
Stadtleben | aus FALTER 51/15 vom 16.12.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

In Tel Aviv hat es heute 19 Grad, und wahrscheinlich scheint die Sonne. Die Menschen sind fröhlich und schön. Wenn man einer der bekanntesten Köche Israels ist, was bewegt einen dann, ein Lokal in Wien zu machen? Wo die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt liegt und die Leute alles andere als schön und noch viel weniger fröhlich sind?

Die israelische Zeitung Haaretz schreibt, dass das Reiseziel Wien für Israelis extrem stark an Attraktivität gewonnen habe, und führt das als einen der Gründe an, warum Eyal Shani vorigen Freitag seine jüngste Miznon-Filiale eröffnete. Es ist die bislang fünfte, drei führt der extrem populäre Restaurantbesitzer, Koch und Juror bei der israelischen Master-Chef-Kochshow schon in Tel Aviv, eine wurde vor zwei Jahren in Paris eröffnet.

Eyal Shani gilt als einer der Begründer einer modernen israelischen Küche, die aus den zahlreichen Ethnoküchen Israels zu einer mediterranen Fusionsküche verschmolz, im Tel Aviver Szenelokal Tzfon Abraxas und dem Nobelrestaurant Salon kreierte Shani quasi kulinarische Identität.

Das Miznon-Konzept startete er vor vier Jahren, es basiert mehr oder weniger auf der gleichen Idee wie seine anderen Lokale – beste Zutaten, so schlicht wie möglich zubereitet –, mit dem Unterschied, dass hier alles in frisch gebackene Pita-Brote gefüllt wird und eigentlich für Takeaway gedacht ist.

Was bei 19 Grad und guter Stimmung auf der palmengesäumten Ibn Gvirol Street natürlich ein bisschen besser vorstellbar ist als am Stephansplatz im Vorweihnachtswahnsinn, aber okay. Miznon funktioniert nämlich so: Man ordert an der Theke (auf Englisch), gibt seinen Namen an, nimmt sich einstweilen ein bisschen Brot, ein paar Saucen und ein paar Rüben, nascht daran herum und wartet, bis man aufgerufen wird.

Im ehemaligen Dom-Beisl, das durch ein paar Einbauten noch zusätzlich verschmälert wurde, funktioniert das halt nur bedingt: Von den hinteren Tischen hört man nämlich kaum etwas, und vor allem nicht, wenn im allgemeinen Stimmengewirr vorn ein Israeli einen österreichischen Namen ruft. Egal, die Stimmung ist großartig, es ist halt eng, und es wird halt viel geschrien.

Zu essen gibt’s im Wesentlichen Lamm, Huhn, Rind, Ratatouille und Erdäpfel entweder im Brot oder als kleines Tellergericht, vor allem aber halt den Karfiol, Eyal Shanis Icon-Gericht, der als Ganzes in Salzwasser gekocht, mit Olivenöl beträufelt und dann im Rohr gebacken wird. Was soll man sagen: Das ist grandios. Das Öl und der Karfiolsaft emulgieren da zu einer unglaublichen Sauce, man bricht die Röschen ab, und im Nu hat man einen ganzen Karfiol verdrückt, geht ganz leicht (€ 5,–). Pita mit geschmorten Lammripperln war auch extrem gut, sehr zart (€ 9,50). „Samtiges Fleisch vom Kohlblatt umhüllt“ nehm ich das nächste Mal. Zum Karfiol dazu.

Resümee:

Eigentlich ein Fastfood-Konzept, aber eben um das entscheidende bisschen besser und köstlicher. Und vor allem mit Karfiol.

Miznon,
1., Schulerstr. 4
tägl. 12–23 Uhr (einen Wochentag nur bis 16 Uhr, welcher, stand noch nicht fest)
www.facebook.com/miznonvienna


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige