Theater Kritik

Was ist Europa? Ein Hotel der Geflohenen

Lexikon | SS | aus FALTER 51/15 vom 16.12.2015

Der Antichrist ist gekommen: derart verkleidet, dass wir ihn nicht mehr erkennen", heißt es zu Beginn. Verkleidet bis zur Unkenntlichkeit sind auch die vier Schauspieler (Michael Klammer, Fabian Krüger, Katharina Lorenz, Aenne Schwarz). Sie gehen als Hotelpagen durchs dunkle "Hotel Europa", in glänzend violetten Uniformen und mit glatten Schädeln. Die Glatzen wurden ihnen aufgeklebt, ihre Backenbärte erinnern an Kaiser Franz Joseph (Ausstattung: Matthias Koch).

Der Regisseur Antú Romero Nunes hat aus Joseph-Roth-Texten einen Theaterabend gemacht, der aktueller kaum sein könnte. Roths zwischen den Weltkriegen entstandener Roman "Hotel Savoy" handelt von einem Kriegsheimkehrer, der verloren vor den Toren Europas steht. Auch Roths andere Texte, wie beispielsweise "Die Flucht ohne Ende", erzählen von im Transit begriffenen Figuren. Der österreichische Schriftsteller war übrigens selber ein Geflohener, er starb im Jahr 1939 im Pariser Exil.

In "Hotel Europa oder Der Antichrist" philosophieren die Hotelpagen in zum Teil recht miesem Wienerisch über die Heimat, die "bei der Sprache beginnt". Bei Kaffee und Tschik werden Witze über "Kleine Braune" und "Große Schwarze" gemacht und irgendwann steht die Feststellung im Raum, dass es sich "beim Radetzkymarsch am schönsten stirbt". Als der Geiger (Matthias Jakisic) aufspielt, wird auf der Bühne und im Publikum fleißig mitgeklatscht, dann bricht der Krieg aus, es hagelt Bomben.

Düster und skurril, melancholisch und komisch ist dieser Abend, der auch eine traurige Bilanz der letzten 100 Jahre zieht. Vor allem dann, wenn nach der ganzen Weltkriegsgeschichte der Schauspieler Michael Klammer auf die Bühne kommt, derzeitige Flüchtlingsströme aufzeichnet und die ganzen Wertediskussionen ad absurdum führt. Groß!

Akademietheater, Fr 19.30, Sa 18.00


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