Kunst Kritik

Im Paarlauf für die neue Gesellschaft

NS | Lexikon | aus FALTER 51/15 vom 16.12.2015

Es ist schon erstaunlich, dass noch nie eine Schau zu dem Thema stattfand: Die tolle Ausstellung "Liebe in Zeiten der Revolution -Künstlerpaare der russischen Avantgarde" beleuchtet erstmals die Beziehungs- und Produktionsgespanne jener Epoche. Die Schau stellt fünf Paare ins Zentrum, wobei die meisten Leihgaben aus russischen Museen kommen. Um 1917 machten auch die Frauen- und Eherechte einen Sprung nach vorn. Die Ausstellung zeigt, dass die Künstlerinnen und Künstler damals auf Augenhöhe miteinander arbeiteten.

So organisierten Natalja Gontscharowa und Michail Larionow skandalträchtige Ausstellungen wie "Eselsschwanz" 1912, wo die Malerin mit dem primitivistischen Heiligenbild "Erlöser" die Gemüter erhitzte. Warwara Stepanowa porträtierte sich und Alexander Rodtschenko als Clowns, was auch das hohe Rollenbewusstsein der Künstlerin beweist. Im Hauptsaal der Schau hängen nicht nur konstruktivistische Gemälde von Rodtschenko, sondern auch Entwürfe für Untertassen oder Unisex-Kleidung des humorbegabten Künstlerpaares. Alexander Wesnin schuf für das Theaterstück "Phädra" ein visionäres Bühnenbild, seine Frau Ljubow Popowa eine Art Bühnenmaschinerie für "Der glorreiche Hahnrei". Eine Herausforderung stellten die futuristischen Bücher dar, die Olga Rosanowa mit Alexej Krutschonych gemeinsam kreierten. Dafür tauschte das Paar mitunter sogar die Rollen von Malerin und Dichter.

Im letzten Teil der Schau tritt die propagandistische Rolle der Kunst anhand des Paares Valentina Kulagina und Gustav Klutsis in den Vordergrund. Das Paar lernte sich bereits auf der sowjetischen Kunstakademie Wchutemas kennen. In Klutsis' Werk stehen radikale Entwürfe für eine "dynamische Stadt" oder ein Popup-Buch mit Fallschirmspringerin neben Propaganda-Plakaten für Lenins Personenkult.

Kunstforum, bis 31.1.


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