Theater Kritik

Vier intime Begegnungen mit dem Herrn Tod

Lexikon | VALERIE KATTENFELD | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015

Wir befinden uns in der Kommandozentrale des sowjetischen Offiziers Stanislaw Petrow, 26. September 1983. Petrow und sein Kollege schauen auf den Bildschirm, der die Weltkarte zeigt. Konzentrierte Aufmerksamkeit. Dann, plötzlich: Gegenalarm. Das Wort "Raketenstart" blinkt in Großbuchstaben am Bildschirm, dazu das entsprechende Akustiksignal. Sofort wird Petrow zum Handeln aufgefordert, zum Gegenschlag auf die USA. Er zögert. Er traut dem Computer nicht. Er hat ihn selbst gebaut. Der Kollege drängt. Die USA hätten soeben den dritten Weltkrieg begonnen, meint er. Die Vernichtung von rund 750 Millionen Menschen wäre eine Chance, meint er, weil sie ohnehin auf dem Weg sind, sich selbst und die Erde zu zerstören. Da dreht er den Kopf auf die Seite und man erkennt: wir haben es hier mit dem Tod höchstpersönlich zu tun.

In der Inszenierung "Der Herr Tod und seine Freunde" ist der Herr Tod eine Puppe. Offizier Petrow wird von Christoph Hackenberg gemimt, der gleichzeitig mit einer Hand dem Tod das Leben einhaucht. Regisseur Simon Meusburger hat in seinem Puppentheaterstück vier szenische Miniaturen mit Tiefgang geschaffen. Die Facetten sind dabei höchst vielfältig und oft humorvoll: der Tod als frustrierter Gast eines Wiener Kaffeehauses, den keiner mehr ernst nimmt. Oder als zärtliche Tanzpartnerin, die sich nichts sehnlicher als die Anerkennung der Hoffnung wünscht.

Jeder Tod wird von einer anderen, individuell gestalteten Puppe verkörpert. Das Zusammenspiel zwischen Darstellern (Andrea Köhler und Franziska Singer) und Puppen funktioniert perfekt und kommt auf der kleinen Bühne ideal zur Geltung.

Schubert-Theater, 10.1., 19.30


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