Film Retrospektive

Das dritte Genie: Harold Lloyd im Filmmuseum

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015

Die Filmgeschichte hat wenig Erbarmen mit den Erfolgreichen. Sie wird misstrauisch, wenn die Karriere eines Komikers untragisch verläuft. Mithin war ihr Harold Lloyd, der den Wechsel zum Tonfilm geschmeidig bewältigte und zeitlebens ein smarter, allerdings risikofreudiger Geschäftsmann war, immer verdächtig. Ihm selbst scheint keine Komik innezuwohnen, er verkörpert keine Außenseiter, sondern die Affirmation der Normalität. Wie Buster Keaton erzählt er Komödien des Gelingens, aber ohne dessen Pessimismus; tatsächlich tauschten sie untereinander oft Gags aus.

Die Retro des Filmmuseums rehabilitiert ihn nun, mit Kevin Brownlow gesprochen, als das dritte Genie der Stummfilmkomik. Sie führt vor Augen, wie vielschichtig Lloyds fidele Charakterkomödien sind. Stets hält er seine Kinofigur in der Spannung zwischen ehrgeizigem Träumer und gutgläubigem Hochstapler. Er ist gleichermaßen Nutznießer wie Sklave moderner Beschleunigung; die Moral seiner Filme liegt in der unbeirrten Anstrengung. Aber wie trügerisch muss das amerikanische Erfolgsversprechen sein, wenn man erst Fassaden hochklettern ("Safety Last!"), unablässig dem Glück hinterherrennen ("Girl Shy") oder lateinamerikanische Revolutionäre bezwingen ("Why worry") muss! Meisterhaft fädelten er und seine Gagschreiber Missgeschicke ein, um sogleich ebenso komplexe Strategien ihrer Vereitelung zu entwerfen. Seine Filme, die er ohne Vorspannnennung meist selbst inszenierte, sind Kabinettstücke des Suspense (und überhaupt kühne Genremischungen). Lloyds umsichtiger, höchst ökonomischer Einfallsreichtum steht im Dienst einer Figurenzeichnung, die sich in der atemlosen Jagd nach Selbsterkenntnis erfüllt. "Warum hast du mir nicht gesagt", fragt der verdutzte Hypochonder in "Why worry" seine Krankenschwester, "dass ich dich liebe?"

Österreichisches Filmmuseum, 25.12. bis 7.1.


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