Tiere

Wildbretter

Falters Zoo | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015


Das Handbuch der Kolumnenschreiberei sieht vor, dass die letzte Glosse im Jahr resümieren, versöhnen und nach Vanillekipferln duften soll. Leichter Tadel an gesellschaftspolitischen Zuständen darf nur von charakterfesten Chefredakteuren angebracht werden, wobei auch in diesen Fällen eine positive Frohbotschaft, Glückwünsche und – je nach Blattlinie – eine religiös möglichst äquidistante Segnung der Leserschaft am Schluss vorgesehen sind. Keinesfalls jedoch darf der Text mit Schaum vor dem Mund oder unter Verwendung von derben Worten geschrieben werden.

An diesen Verhaltenskodex will ich mich gerne nicht halten und formuliere es im Wiener Pejorativ: Sind die alle irgendwo angrennt? Was motiviert mich zu dieser Unmutsäußerung?

Eigentlich gab es letzte Woche einen „historischen Moment“, denn Martin Balluch, Obmann des „Vereins Gegen Tierfabriken“, saß mit dem Wiener Forstdirektor Andreas Januskovecz friedlich an einem Tisch und präsentierte ein neues Wildtiermanagement für den Lainzer Tiergarten: Die Trophäenjagd wird beendet, der unnatürlich hohe Wildschweinbestand reduziert, Hirsche und Mufflons sollen durch Geburtenkontrolle ganz verschwinden und Marder und Füchse werden nicht mehr bejagt. Bravo, Applaus für einen zeitgemäßen Umgang mit Wildtieren in Wien.

Aber dann schlug das Imperium zurück. Die Zentralstelle Österreichischer Landesjagdverbände protestierte dagegen mit einer wüsten Presseaussendung: „Tierrechte werden hier von militanten Tierrechtlern mit Füßen getreten, das Wildtier wird zum Versuchsobjekt gemacht! Grundsätze der Tierethik werden damit verkauft und verraten!“ Das war aber erst der Anfang eines vor Geifer spritzenden Textes. „Tierrechtler“ werden grundsätzlich nur mit den Adjektiven „selbsternannt“, „sogenannt“ und „militant“ belegt, angeprangert wird die „Verhöhnung der Schöpfung“ und man sorgt sich darüber, dass dem „Wildtier jede Würde genommen wird“, weil es nicht mehr als Wildbret zum Essen genutzt werden soll. Alle österreichischen Landesjägermeister sind sich einig, dass „in einem zivilisierten Land wie Österreich so etwas nicht stattfinden darf“. Echt jetzt? Voll echt!

Vielleicht sollte man vor dem Abfassen solcher Aussendungen weniger Jägermeister trinken, und dafür mehr Vanillekipferln essen. Das wäre für alle ein Segen!


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