Wieder gelesen Bücher, entstaubt

Was ist Islamophobie?

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015

Mit dem Begriff Islamophobie haben viele Schwierigkeiten. Islamangst? Was soll das heißen? Der Begriff kommt aus dem Englischen und leitet sich von "Xenophobie" ab, wörtlich übersetzt "Fremdenangst", übertragen "Fremdenhass". Einer breiteren Öffentlichkeit in Europa wurde er bekannt, als die Europäische Union nach dem 9/11-Attentat einen Bericht mit dem Titel "The Fight against Anti-Semitism and Islamophobia: Bringing Communities Together" veröffentlichte.

Kann man Antisemitismus und Islamophobie tatsächlich vergleichen? Der Kulturwissenschaftler Matti Bunzl, seit kurzem Direktor des Wien Museums, griff diese Fragen vor gut zehn Jahren in seinem schmalen Band "Anti-Semitism and Islamophobia: Hatreds Old and New in Europe" auf und bat Kollegen wie Dan Diner, Paul A. Silverstein, Esther Banbassa und Brian Klug um einen Kommentar. Herausgekommen ist eine spannende Debattendokumentation, die sich neun Jahre später aktueller liest denn je.

Bunzls zentrale These ist, dass unter Rechtspopulisten, aber auch Europas bürgerlichen Parteien ab Mitte der 1990er-Jahre die Angstmache vor den Muslimen die Angstmache vor den Juden abgelöst hat. Der Islam wird von ihnen als zivilisatorisch minderwertig, mit westlichen, europäischen, inzwischen nicht mehr nur christlichen, sondern christlich-jüdischen Werten inkompatibel dargestellt.

Juden, die einst als Bedrohung für den "Volkskörper" gesehen wurden, wären inzwischen Teil Europas, quasi inkorporiert, und zwar so sehr, dass Israel in der arabischen Welt als verhasste europäische "Kolonie" gesehen wird. Muslime hingegen werden als neue "Bedrohung" von außen konstruiert, nicht nur für den Nationalstaat, sondern für Gesamteuropa.

Für Bunzl ist "Islamophobie" deswegen die große Gefahr unserer Gegenwart.

Matti Bunzl: Anti-Semitism and Islamophobia: Hatreds Old an New in Europe. Prickly Paradigm Press, 120 S., € 12,60


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