Enthusiasmuskolumne Das beste weihnachtliche Stoffmuster der Welt der Woche

Wind mir einen Kranz aus Stechpalmen

Feuilleton | Nicole Scheyerer | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015

Die Hinweise häufen sich, dass man im Alter tatsächlich konservativer wird. Zumindest ließe sich meine neue Begeisterung für Schottenkaro damit erklären.

Hätte ich einen offenen Kamin und ein Chesterfieldsofa davor, ich würde mir vom Christkind ein Kaschmir-Plaid mit dem roten Tartan des Royal House of Stewart wünschen. Natürlich müsste auch ein Kranz aus Stechpalmen an der Wand hängen, und vor dem Feuer eine Kanne Earl Grey und Shortbread duften.

Der Auslöser meines neuen Faibles war komischerweise das Foto eines blonden Stars in der Gala - ich glaube Gwen Stefani -, die in verschneiter Umgebung ein überdimensionales Karotuch um den Hals trug. Modisch haben die gekastelten Muster, mit denen sich schottische Clans bereits im 16. Jahrhundert matchten, in dieser Saison kaum Bedeutung. Im Internet tauchen sie nur in Form trashiger Miniröcke oder teurer Schals auf.

Als kleines Mädchen faszinierte mich an meinem Schottenrock die große Sicherheitsnadel, die den oben mit Lederschnallen geschlossenen Kilt über den Knien züchtig zusammenhielt. Heutige Kindermodenhersteller würden für so ein Sicherheitsrisiko wahrscheinlich sofort verklagt.

Queen Victoria war so begeistert vom Karo, dass sie 1855 die Böden und Wände ihres Highland-Schlosses Balmoral damit auskleiden ließ. Die geschichtliche Bedeutung ist zwiespältig: Das Schottenkaro steht für Adel und Militär, aber auch für den Freiheitskampf raubeiniger Nordländer, was wohl die subkulturelle Aneignung durch Punk und Grunge erklärt.

Nein, ich werde mir keinen Schottenrock und auch kein kariertes Marc-Jacobs-Teil kaufen. Aber vielleicht fahre ich wieder einmal nach Edinburgh, denn stramme Männerwadeln in so einem Kittel haben was für sich.


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