Kunst Kritik

Liebesschaukeln in mintgrünem Chanel-Design

Lexikon | NS | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015

Als Susan Sontag 1964 den Aufsatz "Notes on Camp" veröffentlichte und darin die Beziehung zwischen überstilisierter Künstlichkeit und Homosexualität herstellte, reagierte Andy Warhol mit einem spöttischen Film. In "Camp" versammelte der Factory-Star eine Gruppe von Performern zu einer Art Varieté-Show und betonte "I don't think anybody's camping - I think we're all doing ourselves". Während Warhol also noch auf eine Lebenseinstellung anstatt momentaner Posen pochte, ist ein campiger Stil -was immer man auch darunter versteht -mittlerweile normal. Auch "queer" ist in der Conchita-Epoche ein Allerweltsbegriff. Zeit für ein raffinierteres Label: "Transmanieristische Reaktionen" sollen die Arbeiten sein, die derzeit in der Akademie der bildenden Künste in der Schau "Aufgerissenen Auges" zu sehen sind.

Dem Kuratorenduo Christian Hetlinger und Ruby Sircar ist eine burlesk-leichtfüßige Mischung gelungen, die losen Kontakt zum historischen Manierismus und zur Gartenarchitektur der Renaissance hält. Den Auftakt der Schau bildet ein rosarot gefliester Brunnen mit Leiter, Eva Hettmers "Fontana", in dem jeden Freitag rosa Schokolade sprudelt. Weiter hinten lässt die üppige "Gartenbank" samt Phallus, für die Moritz Gottschalk viel rosa Tüll verwendet hat, an das Rokoko denken. Veronika Dirnhofer platziert abstrakte schwarze Keramikobjekte als Schmetterlinge auf einem Perserteppich.

"Cave of wonders" heißt die zentrale Wunderkammer der Schau, in der ein gehörntes Narwal-Baby schwebt und Jakob Lena Knebel auf Liebesschaukeln im Chanel-Look einlädt. Muskelmänner wie Ikarus stürzen in Hendrick Goltzius' Kupferstichen (1588) vom Himmel, während Julia Fuchs mit einem ebenfalls nackten Mann ein Foto als vitruvianische Proportionsfigur produziert.

Akademie der bildenden Künste, xhibit, bis 10.1.


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