Die reaktionäre Avantgare

Liebe ohne Sex und Erfolg ohne Geld: Wie die Kunst der in Wien gegründeten Nazarener-Gruppe den romantischen Gefühlen eine Form gab

Feuilleton | Romanze: Matthias Dusini | aus FALTER 52/15 vom 23.12.2015

Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum. Die Kerzen strahlen, das Lametta glitzert. Die Eltern sind gerührt von den glänzenden Augen der Kinder. Für diese Gemütsbewegung wurde Anfang des 19. Jahrhunderts das Wort "romantisch" gefunden.

Als die jüdische Großbürgerin Fanny von Arnstein zu Weihnachten 1814, während des Wiener Kongresses, zum ersten Mal einen Christbaum aufstellte, war das auch ein politisches Signal. Arnstein versammelte in ihrem Salon einen Kreis von Konvertiten, die in der katholischen Weihrauchreligion ein halluzinogenes Gegenprogramm zur nüchternen Aufklärung entdeckten.

Der deutsche Wald löste das antike Griechenland als Imaginationsraum für politische Fantasien ab, der Kerzenschein das grelle Licht der Vernunft. Man bekämpfte den Tugendterror der Jakobiner durch Märchen und Mütchen. Eine Gruppe junger Künstler aus dem Dunstkreis Fanny Arnsteins, die Nazarener, lieferte dazu mehr als nur einen kunstgeschichtlichen Beitrag.

Eine Ausstellung in der Albertina erzählt


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