Film Neu im Kino

Außergewöhnliches Doku-Essay: "Francofonia"

Lexikon | SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016

Man könnte diese Geschichte konventionell erzählen: Die Evakuierung der Kunst des Louvre in Schlösser nahe Paris durch Museumsdirektor Jacques Jaujard ließ die 1940 einmarschierten Nazis ein fast leeres Museum vorfinden. Franz Graf Wolff-Metternich, Leiter des Kunstschutzes der Wehrmacht in Frankreich, nahm bald darauf mit Jaujard Kontakt auf. Obwohl sie Feinde waren, verschrieben sich beide Männer der Bewahrung der Kunst vor Raub und Zerstörung: Es gelang, die Sammlung des Louvre beinahe unbeschadet zu retten.

Dies ist der Kern von Alexander Sokurovs "Francofonia". An einer konventionellen Aufarbeitung ist der russische Filmemacher allerdings nicht interessiert. Stattdessen webt er einen Essay aus Dokumentation, Spielfilmszenen und Archivaufnahmen, das auf der Bild-, Ton-und inhaltlichen Ebene experimentelle Züge aufweist.

Ausgehend von einem heutigen Containerschiff, das Kunstschätze transportiert und in Seenot gerät, nähert Sokurov sich als Erzähler -zumeist mit seiner persönlichen Meinung kommentierend, manchmal einen Märchenton anschlagend -und Fragensteller den historischen Ereignissen in Paris (und, als kurzer Vergleich, in Leningrad) sowie dem Thema Kunstraub, der Geschichte des Louvre und der Faszination für Kunst im Allgemeinen. Jaujard und Wolff-Metternich treffen in 1940er-Jahre-Optik aufeinander und werden von Sokurov direkt angesprochen: In einer eindrucksvollen Passage offenbart er ihnen den Rest ihrer Lebensgeschichte. Dazwischen wandeln Napoleon und Marianne als Geister durch den Louvre.

"Sind Sie noch nicht müde, mir zuzuhören?", fragt der Regisseur das Publikum irgendwann. Nein, diese vielschichtige Collage, diese Reflexion über Kunst, Krieg und Europa ist bis zum Schluss sehenswert.

Bereits im Kino (OmU im Gartenbau)


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