Die Innviertler Seele

Ein Lokal, das wie eine Kaffeebar aussieht, sich dann aber als mehr erweist

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Das sind die Geschichten, die man als Beislkritiker gerne erzählt: Etwa jene von Farangis Firozian und Stan Binar, sie Künstlerin und Gründerin der Initiative Refugees Welcome, er einstmals Koch in den oberösterreichischen Toplokalen Wirt am Berg und Tanglberg, dann Skateboarder und Student des Software-Engineering; sie aus Schärding, er aus Ried im Innkreis.

Vor einem Jahr dachten sie sich, dass sie ein Café aufmachen könnten, ohne große Küche, übernahmen eine ehemalige Gulaschhütte mit allen erforderlichen Konzessionen, die sich dann als gefälscht herausstellten, und bauten also nicht die geplanten drei Monate an ihrem Bits & Bites, sondern halt ein Jahr. „Wir wuchsen daran“, lacht Farangis Firozian, und nicht nur das, das Lokal wurde dann doch auch etwas anders als ursprünglich geplant.

Es bekam eine offene Küche, die Stan Binar offenbar motivierte, seine ruhend gestellten Fähigkeiten wieder zu aktivieren, ein kuscheliges Hinterzimmerchen für den etwas intimeren Brunch, ein mächtiges Cimbali-Raumschiff, in dem Bohnen des Micro-Roasters Felix verflüssigt werden, einen Kühlschrank voller Biere aus der Innviertler Heimat und die fetten Boxen, die für einen angenehm satten Hintergrundsound sorgen, sollte man vielleicht auch erwähnen.

So weit, so nett, die Karte des Bits & Bites liest sich völlig unspektakulär, was sich jedoch als reinste Camouflage herausstellt. Wenn Stan Binar nämlich Antipasti schreibt, dann heißt das, dass es da gebratene Zucchini, geschmortes Melanzani-Inneres und köstlich süße Peperonata gibt, mit Piment d’Espelette leicht angeschärft, dazu drei Stück Schwarzbrot mit überbackenem Ziegenkäse – großartig (€ 10,20).

Und wenn man was vom Mesclun-Salat liest, dann erweist sich der als wunderschöner Teller voll würziger Kleinblättchen und vor allem einem Dressing, wie man es nicht gewohnt ist – konkret der beste Salat, den ich in Wien je gegessen habe (€ 4,10). Und wirklich arg wird’s, wenn man „Karfiol gratiniert“ bestellt. Weil das dann nämlich kein gratinierter Karfiol ist, sondern ein Arrangement aus violetten Karfiolröschen, dünn geschnittenen Feigen, violetten Braterdäpfeln und einem violetten Karfiolpüree, alles miteinander ungefähr genauso köstlich wie violett (€ 12,70).

Das Lauch-Risotto mit Passepierre-Algen und Garnelen konnte dieses Niveau nicht halten (€ 18,70), der Burger mit selbst gebackenem Brioche-Bun und saftigem Pulled Pork vom Innviertler Jungschwein dann wieder sensationell, nicht zuletzt wegen des fantastischen Cole Slaw (€ 12,40).

Das einzige Problem: Das „Soul Food“, das im Untertitel des Lokals versprochen wird, bleibt man ein bisschen schuldig. Dabei wäre eine Mischung aus Innviertler Hausmannskost und Südstaaten-Küche auf dem Küchenniveau, wie es hier geboten wird, ein ziemlicher Hammer.

Resümee:

Große Seitengassen-Entdeckung – ein neues Lokal mit Coffeeshop-Optik, das mitunter sehr, sehr feine Kochkunst vorlegt.

Bits & Bites
6., Webg. 27
Mi–Sa 10–16 (Brunch), 18–22, So 10–16.30 (Brunch)
www.bitsandbites.at


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