Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Nackte Frauen

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016

Was es nicht alles gab, im Falter vor 20 Jahren! Ein Inserat von Ecke Bonk brachte das Jahrtausend (tausend Jahreszahlen) auf einer Druckseite. Österreich schickte sich an, sein Millennium zu feiern. Oder einen Stadtkrimi von Martin Amanshauser, der eine Serie von 23 Stücken eröffnete, für jeden Bezirk eines, und zwar so: "Die Wiener Innenstadt habe ich nie so richtig leiden können. Das Hauptpostamt wird schon jahrelang umgebaut, das Ronacher schaut aus wie meine Großtante, wenn sie geschminkt ist, im Alt-Wien saufen immer mehr Künstler und immer weniger Menschen, im Burggarten treiben sich Dealerinnen und Politessen herum, klobige antifaschistische Denkmäler will ich auch keine sehen, und der Herr Durst von Kuriositäten Durst in der Schottengasse (er war die letzte Oase) ist gestorben, sein Geschäft hat jetzt für immer zu."

Die Politik befasste sich mit internen Grabenkämpfen der Grünen (wie schön war die Zeit, als es die noch gab!), brachte ein Interview mit dem neuen Stapo-Chef Peter Heindl (später von Ernst Strasser gesäubert) und einen Text des neuen Wirtschafts-Autors Wolf Lotter über den Skandal, dass die erste private Handylizenz naturgemäß an "Ö-Call" ging, jenes Konsortium, an dem auch die Kronen Zeitung beteiligt war.

In der Kultur komponierte Wolfgang Kralicek einen Nachruf auf den Dramatiker Heiner Müller aus Müller-Zitaten. "Zuerst wollte ich Frauenarzt werden. Einfach wegen der Möglichkeit, nackte Frauen zu sehen. Bloß dann, nach einigem Nachdenken, kam ich drauf, dass man da auf die Dauer sicher mehr mit alten Frauen zu tun hat als mit jungen. Und deswegen habe ich mich dann fürs Theater entschieden. Die logische Fortsetzung des Wunsches, Frauenarzt zu werden, ist eigentlich, dass man am Theater arbeitet." Oder: "Ich glaube, dass das deutsche Publikum noch immer die Sprache des Militärs versteht. Man muss es im Theater bekämpfen -sonst versteht es nichts. Die Texte werden Munition. Und das Geschütz (..) ist das Publikum. Auf der Bühne die Gespenster, die Toten im Zuschauerraum."


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