Selbstversuch

Das neue Jahr fängt gar nicht so gut an

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016

Zu den Vorsätzen für das neue Jahr gehört jener, dass man nicht mehr deppat in jede völlig augenscheinliche Falle tappt. Da glaubt man, man sei jetzt alt und schlau genug und auch schon ausreichend lange im Diskursbusiness, um so ungefähr abschätzen zu können, wie eine Debatte über irgendwas so ungefähr verläuft. Wo man mit der eigenen Position circa verortet ist und mit welcher Reaktionswucht man zu rechnen hat, aber nix. Man glaubt, man hat ein bisschen ein Gespür für die Gesellschaft, in der man lebt, und wie sie tickt. Glaubt, dass es ein paar Themen gibt, in die man ganz gut eingearbeitet ist, sogar so gut, dass man darin über einen Wissenvorsprung verfügt: haha.

Die Reaktionen auf Köln zeigen: Alles falsch. Jetzt müssen sich auch Frauen, die seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder die Bagatellisierung sexueller Belästigung und Gewalt beklagen, unterstellen lassen, sie nähmen das nicht ernst, verharmlosten das, kapierten das gar nicht richtig. Plötzlich werden gestandene Feministinnen von männlichen Neo-Feministen umringt, die ihnen erklären, dass sie alles falsch sehen und fühlen, dass sie einen ganz anderen Zustand zu den Übergriffen in Köln haben sollten, dass sie das alles vollkommen falsch verstehen, ihr naiven Trutscherln, ihr, ihr schnallts das ja überhaupt nicht, wir erklären euch das jetzt. Doch, wir schnallen's schon. Es geht hier auch um die Verteidigung einer Hierarchie: Männer, Frauen, Ausländer.

Aber man will nicht mehr mitdiskutieren. Man will ins innere Wochenende. Einfach schön resignieren und würdevoll kapitulieren, man hat irgendwann einfach keine Kraft und Energie mehr zurückzuargumentieren, mit dem Finger wieder und wieder auf die alten Wunden und die Narben zu zeigen: Hier! Seht doch! Das war schon vorher! Hat irgendwie überhaupt keinen Sinn.

Aber, hey: Es gibt so viele schöne andere Themen, über die man reden und schreiben kann. Essen, Kochen, Radfahren, Oscar Isaac. Ist doch alles auch relevant. Mode! Und David Bowie ist tot, unfassbar; und unmöglich eigentlich. Und Ernährung, Superthema, aber auch da gibt's unerwartete Fallen, die man kennenlernt, wenn man etwa in einem Artikel den Veganismus und das Ei gleichzeitig lobt. Weil man vergessen hat, dass es nicht mehr Vorlieben gibt, Interessen, Lebensstile: Es gibt nur noch Religionen, Sekten und Fundamentalisten. Und ein neuer Ton, der einem jetzt permanent entgegenschlägt: wütendes Gebrüll.

Man googelt lieber Gewächshäuser als noch einen belehrenden Kommentar. Sicherheitsglas oder Blankglas? Alu oder grün? Einsteigergröße oder doch schon Fortgeschrittene? Einrichtungsblogs. Entrümpelungswebsites: wunderbar. Der erste Schritt zur inneren Ordnung ist schon getan, wenn man so eine Decluttering-Seite überhaupt nur angeklickt hat: Man fühlt sich gleich besser. Alles raus, das macht man jetzt auch. Und dann lernt man tischlern. Es ist ja eh auch das Private politisch, oder.


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