Ohren auf Scandinavian Jazzgirls

Zweimal Mette: Sax und Bass, aber keine Klarinette

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016

Früher war das so: Wenn André Müller zum Interview bat, wusste man: "Jetzt bin ich berühmt." In der Popwelt von heute gibt's ein Shooting mit Anton Corbijn. An sich ist der niederländische Starfotograf für Typen wie U2 oder die Stones zuständig, nun aber hat er die 25-jährige norwegische Saxofonistin Mette Henriette als Künstlerin lässt sie ihren reimtechnisch und orthografisch ungünstigen Familiennamen Rølvåg weg) für deren Debüt auf dem Münchner Edeljazzlabel ECM abgelichtet.

Musikalisch kommt das titellose Doppelalbum ohne Popappeal aus. Bloß nicht gleich mit einer Melodie oder gar einem Groove ins Haus fallen, hat die Henriette ihrem Trio namens o angeordnet. Sie selbst ist auf den 15 kurzen Kompositionen kaum länger als 20 Sekunden am Stück mit dem Behauchen ihres Saxofons befasst, während Klavier und Cello exquisit-ephemere Klänge im Piano-Bereich beisteuern. Kulinarischer sind die 20 Tracks des 13-köpfigen Ensembles Ø, in dem sechs Streicher flirrende Klangschichten auslegen, und Henriette kurz die Rolltreppe über den Hügel nimmt, um den elegisch gabaresken Schönklang durch ruppige Vokalisierungen aufzubrechen: ein Kaleidoskop mit interessanten Momenten, aber ohne erkennbare Dramaturgie.

Wesentlich kompakter und konziser ist das lediglich 36 Minuten dauernde Album "Double Life" (BJU), das die in Brooklyn lebende Dänin Anne Mette Iversen mit ihrem Nonett Double Life bereits vor längerem herausgebracht hat. Zu Recht hochgelobt, soll es anlässlich des Wien-Konzerts der 43-jährigen Bassistin auch hier empfohlen werden: Schwungvoller, abwechslungsreicher Chamber-Jazz, bei dem das Streichquartett auch Ausflüge in die Konzertmusik des 20. Jahrhunderts unternimmt, ohne sich in peinlichen Third-Stream-Ambitionen zu verheddern. Go for it!

Anne Mette Iversen live: Porgy & Bess, 15.1.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige