Am Apparat Telefonkolumne

Dürfen Illustrationen verletzen, Herr Krach?

Politik | ANRUF: B. NARODOSLAWSKY | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016

Ein Scherenschnitt: Eine schwarze Hand greift zwischen zwei weiße Beine. So illustrierte das Qualitätsblatt Süddeutsche Zeitung die sexuellen Übergriffe in Köln (siehe Seite 10). Nach heftiger Kritik im Netz entschuldigte sich Chefredakteur Wolfgang Krach bei Lesern, die das Bild sexistisch und rassistisch fanden.

Wollten Sie mit der Illustration provozieren?

Eine Illustration soll versuchen, etwas abzubilden, was man mit Worten allein nicht oder nur umständlich ausdrücken kann. Wir wollten das Thema Gewalt an Frauen illustrieren. Aber einige Leser haben die Abbildung als bewusste Provokation aufgefasst.

Der SZ wurde wegen der schwarzen Hand auch Rassismus vorgeworfen.

Die Hand war schwarz, weil es sich ursprünglich um einen Scherenschnitt handelt. Manche Leser meinten, wir wollten damit ausdrücken, sexuelle Gewalt habe etwas mit Hautfarbe zu tun, das sei rassistisch. Das wollten wir aber gar nicht sagen.

Kam die Kritik nur online?

Es war vor allem ein Netzphänomen. Kurz zuvor hatte es im Netz heftige Kritik an einem Cover des Magazins Focus gegeben. Hätten wir die kleine Illustration aus der SZ nicht groß auf unserer Facebook-Seite veröffentlicht, wäre die Reaktion vermutlich weniger heftig gewesen.

Wo endet die Freiheit eines Illustrators?

Die künstlerische Freiheit einer Illustration findet ihre Grenze im Respekt vor dem anderen. Bei Karikaturen ist die Freiheit größer. Es wäre das Ende der Karikatur, wenn sie nicht verletzen dürfte.

Fanden Leser die Entschuldigung gut?

Viele fanden sie richtig, etliche unnötig, weil ihnen die Illustration gefallen hat. Das Beispiel hat jedenfalls deutlich gemacht: Selbst wenn wir eine Illustration in der Redaktion nicht für problematisch halten, müssen wir uns bei der Auswahl in die Lage eines Lesers versetzen, den wir damit verletzen könnten.


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