Sag's mit Youtube

Irmgard Griss, Alexander Van der Bellen und Andreas Khol starten ihren Wahlkampf um die Präsidentschaft mit einem Youtube-Video. Warum?


ANALYSE: BENEDIKT NARODOSLAWSKY
Medien | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016


Griss spricht wie der Präsident zu Neujahr direkt zum Volk (Foto: Youtube)

Griss spricht wie der Präsident zu Neujahr direkt zum Volk (Foto: Youtube)

1964. Vögel zwitschern, ein kleines Mädchen in der Wiese zupft Blätter vom Gänseblümchen. Laut zählt sie jedes Blumenblatt: „Eins, zwei, drei.“ Als sie bei zehn ankommt, hallt die Stimme eines Mannes bedrohlich aus dem Off. Wie bei einem Raketenstart zählt er von zehn herunter, während das Gesicht der süßen Kleinen immer näherrückt. Bei null sieht man nur noch ihre Pupille, das Schwarz wird durch eine Atomexplosion grell erleuchtet. „Das steht auf dem Spiel: eine Welt zu schaffen, in der alle Kinder Gottes leben können – oder ins Dunkel zu gehen. Wir müssen einander entweder lieben. Oder sterben.“ Die Stimme gehört US-Präsident Lyndon B. Johnson. Er will wiedergewählt werden.

„Daisy“ heißt der Werbespot, der rückblickend als Grund dafür gilt, warum der Demokrat Johnson die Wahl ums mächtigste Amt der Welt so haushoch gewann. Er brauchte bloß eine Minute, um mit der geballten Kraft des Fernsehens eine emotionale Botschaft in die Köpfe seiner Landsleute zu hämmern: Ein Kreuzerl bei den Demokraten heißt Friede, eines bei den Republikanern Atomkrieg. Der Schwarz-Weiß-Clip setzte Mitte der 1960er-Jahre weltweit neue Maßstäbe in der Wahlwerbung. Nach wie vor verschlingen TV-Spots in den USA – dem Musterland der politischen Kampagnen – das meiste Geld des Wahlkampfbudgets.

Und in Österreich? Da plakatierte die ÖVP 1966 den Spruch „Sicherheit für alle!“ mit dem Kopf des Spitzenkandidaten Josef Klaus. Und gewann die Wahl. Das Plakat, das schon damals als Medium nicht neu war, prägt die österreichische Wahlwerbung bis heute. Der massive Einsatz von bedrucktem Papier in Form von Plakaten und Inseraten gilt als österreichische Besonderheit. In kaum einer anderen westlichen Demokratie ist Papier so wichtig im Wahlkampf wie in der Alpenrepublik. Werbevideos zählten bis dato eher zum Nischenprogramm.

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