Moderne mit Blümchen und Ranken

Das Mak würdigt den wenig bekannten Architekten Josef Frank in einer umfangreichen Schau

Lexikon | AUSSTELLUNGSBESUCH: M. DUSINI & N. SCHEYERER | aus FALTER 02/16 vom 13.01.2016


Josef Frank, Haus Beer, Wenzgasse, Wien, 1929–1931 (Foto: Stefan Oláh)

Josef Frank, Haus Beer, Wenzgasse, Wien, 1929–1931 (Foto: Stefan Oláh)

Der Wiener Architekt Josef Frank (1885–1967) gehört zu jener Generation von Architekten, die nach dem Ersten Weltkrieg eine moderne Raumplanung erprobten. Das Museum für angewandte Kunst (Mak) präsentiert diesen im Schatten von berühmten Kollegen wie Adolf Loos stehenden Baukünstler in einer großen Schau, die die vielen Facetten seines Werks veranschaulicht. Die von Hermann Czech und Sebastian Hackenschmidt kuratierte Ausstellung „Josef Frank – Against Design“ stellt das architektonische Werk, die Interieurs und Möbelentwürfe und die theoretischen Positionen vor.

Sein den individuellen Bedürfnissen der Benutzer angepasster Umgang mit Möbeln und Dekoration war eine Gegenposition zum rigiden Planungsdenken der Bauhaus-Moderne. „Man kann alles verwenden, was man verwenden kann“, war einer von Franks Grundsätzen.

Die Schau dokumentiert Franks Tätigkeit im sozialen Wohnbau des Roten Wien. Er gestaltete sowohl billige, kleine Häuser für die sogenannte Siedlerbewegung als auch große Geschosswohnbauten für die Gemeinde. Bald kamen Aufträge für Villen dazu. In den Jahren 1929 und 1930 baute er das Hietzinger „Haus Margarethe und Julius Beer“, das heute als wichtiges Beispiel der Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit gilt und derzeit renoviert wird.

Modelle, Pläne und Entwurfszeichnungen vermitteln ein lebendiges Bild von Franks Architektur. Der Baukünstler bevorzugte das malerisch Krumme gegenüber dem kontrolliert Geraden und rückte nebensächliche Details wie die Stiege ins Zentrum der Räume. In der Ausstellung ist der Nachbau einer Holztreppe zu sehen, den Kurator Czech mit einer ironischen Pointe versah. Der Besucher kann nicht nur die Stufen mit den originalen Maßen hinaufsteigen, sondern auch eine Variante, die nach der aktuellen Bauordnung gefertigt wurde: Eine heutige Frank-Stiege braucht doppelt so viel Platz wie das Original, und man verliert damit das vom Architekten intendierte Gefühl des Steigens.

Besonders reizvoll sind jene Aquarelle, auf denen der Künstler bunte Fantasiehäuser skizzierte, teilweise im gespielten Dialog mit fiktiven Auftraggebern. Man könnte Franks Umgang mit seinem Berufsethos tiefenentspannt nennen.

Der fast schon postmoderne Rückgriff auf bereits Vorhandenes, sein Faible für Kitsch und Perserteppiche, macht den 1933 nach Schweden ausgewanderten Baukünstler zum Vorläufer von Architekten wie Rem Koolhaas oder Robert Venturi, die ihre Räume 50 Jahre später ebenfalls in der Gefühlswelt der Konsumenten verankern werden. Eine Gegenüberstellung von Frank und aktuellen Positionen ist ebenfalls Teil der Schau.

In puncto Wohnkultur bestand der Architekt auf einen persönlichen und behaglichen Stil, jenseits von secessionistischem Gesamtkunstwerk oder Strenge à la Bauhaus. Wiewohl der Freund von Komfort und „Nicht-Planung“ für die Wiener Werkstätte entwarf und auch Werkbund-Mitglied war, wollte er aus der Moderne kein Credo machen. Um diese Ziele umzusetzen, gründete Frank 1925 gemeinsam mit seinem Kollegen Oskar Wlach das Einrichtungsunternehmen Haus & Garten, das auf enge Zusammenarbeit mit den Handwerkern setzte.

Stühle und Tische, die ihre Gestalt mannigfaltigen Inspirationsquellen verdanken, werden in der Ausstellung aneinandergereiht. Altägyptische Hocker oder Stuhlformen aus dem kaiserlichen China inspirierten Frank ebenso zu zeitgemäßen Interpretationen, wie der Windsor-Sessel mit seiner typischen Stäbchen-Rücklehne oder die Tischlerkunst der amerikanischen Shaker. Als Proponent des „Neue Wiener Wohnens“ liebte es der Anti-Designer, Möbeltypen zu variieren, wovon zum Beispiel seine vielen unterschiedlichen Tischbeine zeugen. Mak-Kurator Hackenschmied präsentiert Stühle, die in der Zwischenkriegszeit von Wiener Tischlern gefertigt wurden, neben Neuauflagen der Sessel, die heute noch von der Firma Svenskt Tenn verkauft werden. Der Unterschied zwischen Handwerk und standardisierter Produktion ist augenfällig.

Die Möbel der 1910 gestalteten Wohnung Tedesko wurde kürzlich vom Mak erworben. Großformatige Fotoreproduktionen führen in die eigenen vier Wände des Architekten, der eine große Affinität zu Mustern hatte. Rund 200 originelle Dekors für Stoffe und Tapeten hinterließ Frank. Interessanterweise setzte er sie aber selbst nur selten in seinen Interieurs ein.

Im Interieur-Design ist der Wiener Architekt heute bekannter für vegetabile Muster wie „Brazil“ oder „Hawaii“ als für sein restliches Werk. Dank einer neuen Kategorisierung können in der Schau die raffiniert gerankten, gefleckten oder gewellten Ornamente besser nachvollzogen werden. Die Neuordnung definiert Mustergruppen, die von „Geflechten“ zu „Wirbel“, von „Y-Formen“ zu „Hügelkonturen“ reichen. Was für Linien, welche Farben – ein Fest für die Augen.

„Josef Frank – Against Design“; bis 3.4.
Führung mit Hermann Czech, Di 17.00


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