Der Würschtlkaiser

Der Fernseh-Seyffenstein eröffnete ein Würstelstandl. Wirklich

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Generell muss man den Mut bewundern, wenn heute jemand einen neuen Würstelstand aufmacht. Weil Würstelstand ist jetzt nicht gerade der Mega-Burner, Würstelstand ist nicht Pulled Pork, Würstelstand ist nicht veggie und glutenfrei ist der Würstelstand schon mal überhaupt nicht. Auch dass die diversen „Würstelstand 2.0“-Konzepte der vergangenen Jahre der ganz große Renner gewesen wären, kann man jetzt nicht gerade sagen. Wir erinnern uns etwa an das extrem ambitionierte Wurst-Projekt „Kiosk“ in der Schleifmühlgasse (ist Geschichte) oder an den Versuch von Josef Bitzinger, in der Währinger Straße den etwas cooleren Würstelstand zu launchen (Betriebsurlaub, allerdings schon länger) – es scheint, als wäre das Interesse der Wienerinnen und Wiener an der Neuerfindung noch einmal geringer als an der Basisversion.

Schauspieler, Kabarettist und Autor Rudi Roubinek investierte – gemeinsam mit ein paar Eventgastronomen – trotzdem in den Würstelstand auf der Augartenbrücke. Und weil es den angeblich schon seit 1909 gibt und Roubinek durch seine Rolle als „Seyffenstein“ in der TV-Serie „Wir sind Kaiser“ einigermaßen gebrandet ist, wurde das Standl „Kaiserzeit“ genannt. Und bekam ein Sissi-und-Franz-Josef-Design. Uff.

Okay, und auch bei der Auswahl an Speisen und Getränken konnte man es sich nicht ganz verkneifen, da einen monarchistischen Bezug herzustellen, sei es beim Mini-Würschtl alias „Kleiner Franzl“, sei es bei der Gulaschsuppe, die da im nostalgischen Geschwurbel als Standardverpflegung der österreichischen Militärs bezeichnet wird, sei es bei der Kaisersemmel, sei es bei der ehemals kaiserlich-königlichen Herkunft diverser tschechischer Biere oder einer Kreation namens Kaiserwurst. Hilfe.

Ich mein’, die qualitative Grundausrichtung ist hier ja nicht einmal schlecht, immerhin lässt man sich nicht einfach von einer der beiden großen Wurstfabriken beliefern, die etwa 90 Prozent der Wiener Würstelstandeln mit Standardware beschicken, sondern checkte eine Mangalitza-Bratwurst, eine Blunzn und auch die glorreiche Pusztawurst, fast alles von burgenländischen Mittelständlern. Bravo.

Aber wenn die Gulaschsuppe dann halt ein salziges und sonst wenig aromatisches G’schlader ist, wieso hat man sie dann überhaupt (€ 3,30)? Oder diese „Kaiserwurst“ – eine gebratene Weißwurst, die dann mit Trüffelöl überträufelt wird. Mit Trüffelöl! Pourquoi? Soll das edel sein? Das ist grauslich, sonst gar nichts (€ 4,90)!

Und so gut das mit der Blunzn aus dem mittelburgenländischen Zemendorf auch gemeint sein mag: Eine Wurst, deren Zubereitung zehn Minuten dauert und deren Haut man nicht essen kann, ist für ein Würstelstandl vielleicht noch weniger geeignet als eine mit Trüffelöl marinierte Brat-Weißwurst (€ 3,90). Vom Neuerfinden werden die Sachen halt auch nicht automatisch besser.

Resümee:

Ein Würstelstand, der keine Gelegenheit auslässt, nostalgisch-monarchistische Sentimente zu hegen. Und Weißwurst mit Trüffelöl brät.

Würstelstand Kaiserzeit
2., Augartenbrücke/Obere Donaustr.
So–Di 8–23.30, Mi–Sa 8–4
www.kaiserzeit.wien


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