Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Schreibvorhaben der Welt der Woche

Ein Roman in Häppchen via WhatsApp

Feuilleton | SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016

Viele können ohne Deadline nicht arbeiten, erst das Nahen eines Abgabetermins bringt sie zum Schreiben. Der Schriftsteller Tilman Rammstedt, Bachmann-Preisträger 2008 und einer der pfiffi gsten Autoren deutscher Sprache, scheint ähnlich zu funktionieren.

In seinem letzten Roman "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters "(2012) ließ er sich vom Heldendarsteller Bruce Willis aus einer Schreibblockade herausmanövrieren. Sein neues Buch "Morgen mehr" schreibt er nun überhaupt live in Echtzeit - und mit dem Druck, täglich ein Kapitel abliefern zu müssen.

Der Hanser-Verlag hat ihm eine Website eingerichtet, auf der jeden Tag frühmorgens ein kleines Kapitel erscheint, das Rammstedt am Vortag geschrieben und spätabends mit seinem Verleger Jo Lendle lektoriert hat.

Für Hanser ist das eine Gelegenheit, ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren: Acht Euro kostet das digitale Roman-Abo. Zugestellt werden die Lieferungen per E-Mail und Whats-App, und zwar als Text wie auch in einer vom Autor gelesenen Hörfassung. Der Kunde ist König. Und er amüsiert sich beim Lesen fürstlich, obwohl der allwissende Ich-Erzähler des Romans nach der ersten Arbeitswoche noch nicht einmal geboren ist. Momentan versucht er, seine Mutter in spe am Beischlaf mit einem Franzosen zu hindern; und seinen künftigen Vater muss er aus einer äußerst brenzligen Lage befreien. In einem Roman geht das, vor allem wenn er derart glänzend geschrieben und samt Cliffh angern auch geschickt konstruiert ist.

Die Leserschaft kommentiert fleißig und fordert für die am 8. April erscheinende Buchfassung Bonuskapitel mit erzählerischen Seitenstraßen, die Rammstedt fürs Erste links liegen gelassen hat. Einen schöneren Druck kann man sich als Autor kaum wünschen.


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