Mutter, der Mann mit dem Zeug ist da

Der Drogenmarkt wandelt sich: Jugendliche bestellen neue synthetische Substanzen per Internet und konsumieren sie zu Hause im Kinderzimmer. Experten warnen vor dem neuen Drogen-Biedermeier und tödlichen Folgen

Politik | BERICHT: BIRGIT WITTSTOCK | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016


Illustration: Oliver Hofmann

Illustration: Oliver Hofmann

Die Sonne ist nicht mehr als ein verschwommener Fleck hinter einer Nebelwand. Ein Wintervormittag in einem verschlafenen Kaff im niederösterreichischen Marchfeld, nur wenige Kilometer hinter der Wiener Stadtgrenze. An der Tür eines der Einfamilienhäuser, die die B8 hier zu beiden Seiten säumen, läutet, wie fast jeden Morgen, der Postler. Für Martin ist es ein besonderer Moment. Als er aus dem dicken Packen bunter Reklamezettel und Prospekte einen braunen Umschlag ohne Absenderangabe herauszieht, scheinen seine Hände ein wenig vor Vorfreude zu zittern. Beinahe zwei Wochen hat er gewartet, nun ist das Päckchen endlich da.

Schnellen Schrittes geht er in sein Zimmer, vorbei an der Küche, in der seine Mutter gerade den Geschirrspüler einräumt. Er schließt die Tür, lässt sich auf sein ungemachtes Bett fallen und reißt das Luftpolsterkuvert auf. Heraus fällt ein ganzer Haufen kleiner Druckverschlussbeutel mit Sechsecken, Linien, Doppellinien und Großbuchstaben darauf, wie man sie aus dem Chemieunterricht kennt. Skelettformeln nennen sich diese Gebilde. Sie geben die Zusammensetzung chemischer Verbindungen an. Darunter kryptische Buchstaben-Zahlen-Reihen, die an Passwörter erinnern: 4-MePPP, MDPV, 5-MAPDB, 2-PTC, 25B-NBOMe und so weiter. „Plant Food“ steht daneben und „Not approved for Human Consumption“.


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