Tiere

Rattenscharf

Falter & Meinung | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Im Tiergarten Schönbrunn gab es Nachwuchs bei den Riesenborkenratten. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht, denn nur bei Heuschreckenplagen und anderen sich bedrohlich schnell vermehrenden Tierarten freut man sich nicht über neue Jungtiere. Für mich beginnt aber bei jedem Neuzugang im Wiener Zoo eine diskursintensive Zeit. Menschen, die sich mit Tierdokus und in Internet-Auskennerforen wissensmäßig aufgebrezelt haben, suchen nun den fachlichen Austausch. Manche Fragen sind über meiner Augenhöhe: „Schönbrunn spricht geschlechtsneutral von ‚Nachwuchs‘. Kann man den Unterschied zwischen Männchen und einem Weibchen nicht aufgrund des Aussehens erkennen?“ Nein, kann man ohne freie Sicht auf baumelnde Geschlechtsorgane ohne operative Eingriffe nicht bestimmen.

Andere Anfragen begegnen mir als alte Bekannte: „Wozu sind diese Riesenratten überhaupt nützlich?“ Da empfiehlt es sich, nicht gleich schnippisch zurückzufragen: „Und wer braucht Menschen?“, sondern dies als Interesse an der Vernetztheit aller Lebewesen zu verstehen. Das Bild vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der aufgrund einer unvorhersehbaren Reaktionskette auf der anderen Erdhälfte einen Tornado auslöst, hat sich schon in vielen Köpfen festgesetzt.

Also welche katastrophalen Folgen hätte die Ausrottung der ausschließlich auf der philippinischen Insel Luzon vorkommenden Riesenborkenratten? Die Antwort „Das weiß man nicht“ ist natürlich unbefriedigend, aber man weiß eigentlich auch sonst kaum etwas über diese Nagetiere, außer dass sie mit ihren buschigen Schwänzen und dem lustigen schwarz-weißen Fell „süß“ aussehen. Vermutlich würden sie sich auch sehr gut als Haustiere eignen, da sie im Unterschied zu Hausmäusen und -ratten nur einmal im Jahr einfachen Nachwuchs bekommen.

Der Zoo Prag, der über große Erfahrung in der Haltung von Borkenratten verfügt, empfiehlt eine Mindestfläche von zwei Quadratmetern für ein bis zwei Tiere, was auch eine für Wiener Gemeindebauwohnungen akzeptable Größe wäre. Und auch ihre Eigenschaft als Allesfresser würde sie pflegeleicht machen, aber die Lärmentfaltung dieser nachtaktiven Tiere verändert deren Bewertung sehr schnell von „putzig“ auf „lästig“. Das habe ich alles im Konjunktiv geschrieben, denn Wildtiere sollten auch solche bleiben und nur in Form von Tierdokus zu uns ins Haus kommen.


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