Heiner Müller und ein Déjà-vu

Ernst M. Binder zeigt Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee" im Forum Stadtpark

Lexikon | HERMANN GÖTZ | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016

Ein vielfach beschwertes Wort in der Literaturtradition der Linken ist jenes von den "Nachgeborenen". Ganz unabhängig vom Vermächtnis Herrn Brechts verhalten sich diese nämlich stets anders - vor allem als man glaubt. Zum Beispiel Heiner Müller, der große (dortselbst beinahe ignorierte) DDR-Dramatiker. Sein Drama "Wolokolamsker Chaussee" ist ein Lehrstück, das den Zeigefinger nicht auf Sollbruchstellen kapitalistischer Systeme legt, sondern in die Wunden der 1984 längst brüchigen DDR-Dialektik. Müllers Stimmen des Zweifels tauchen in der Roten Armee auf, quälen sich durch die sprichwörtliche DDR-Bürokratie, wo Kriege, die man am Schreibtisch beginnt, von Panzern entschieden werden. Panzer fahren durch das ganze Stück, von der russischen Wolokolamsker Chaussee in die DDR und ins Prag des Jahres 1968. Warum diese Wiederkehr der immer wieder gleichen Eskalation? Mit der Antwort macht Heiner Müller es sich und seinem Publikum nicht einfach. In Graz wird ein Anhaltspunkt als anklagendes Mantra ans Ende des Abend gestellt: Es liegt wohl am "Vergessen, vergessen, vergessen"."Die Lebenden sind nur die eine Hälfte des Wirklichen, die andere Hälfte sind die Toten. Und diese haben feste Plätze. Und diese bestimmten Plätze entscheiden mit über den Platz, der für die Lebenden bleibt. Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind", lautet ein Zitat Heiner Müllers.

Die Programmbeauftragte Vera Hagemann hat Ernst M. Binder mit seinem dramagraz (vormals Forum Stadtpark Theater) für diese nüchterne Heiner-Müller-Inszenierung mehr als zehn Jahre nach seinem Abschied wieder ans Forum Stadtpark geholt. Die geborene Ostberlinerin wirkt auch selbst an der Produktion mit -als Nachgeborene der DDR-wie der Forum-Geschichte. Mit ihr stehen Mona Kospach, Gina Mattiello und Ninja Reichert auf der Bühne, vier starke Darstellerinnen für einen Text, in dem nur Männer zu Wort kommen. Wie stets inszeniert Binder ganz nah am Text, dessen tragische Ambivalenz der Zuseher selbst zu entschlüsseln hat. Nur zum Start erleichtern wenige einleitende Worte die Interpretation: Heiner Müllers Panzergeschichte wird hier auch zur Metapher für jene fatale Entwicklung, die in Ländern wie Syrien auf den Arabischen Frühling folgte. Binders Rückkehr ans Forum ist ein Déjà-vu. Das weist, so könnte man meinen, auch inhaltlich die Richtung: Heute fahren Müllers Panzer anderswo. Und wieder zermalmen sie unter sich die zarten Pflanzen der Hoffnung, begünstigt immer noch durch das Vergessen -auch der eigenen Geschichte.

Forum Stadtpark, Graz, Mi, Do 20.00


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