Kunst Kritik

Sockel frei: Gefallene Helden ohne Kopf und Füße

Lexikon | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016

Da liegt er, wie frisch gestürzt. Eindrucksvoll streckt sich eine große Lenin-Statue am Boden der Kerstin Engholm Gallery hin, Kopf daneben. Die russische Fotografin und Künstlerin Anna Jermolaewa hat den goldfarbenen Sowjetgründer in einem Dörfchen in der Ukraine aufgestöbert, wo er erst vor kurzem von seinem Podest gestoßen worden war. Als Reaktion auf die aktuellen Konflikte mit Russland hat die ukrainische Regierung letzten Frühling ein "Dekommunisierungsgesetz" erlassen, welches die Entfernung von Hammer und Sichel sowie von UdSSR-Denkmälern verordnete.

Für ihre eindrucksvolle Installation "Leninopad" reiste die ursprünglich aus Moskau stammende Künstlerin quer durch Dörfer und Kleinstädte und dokumentierte die leeren Podeste. Ihre Recherchen hat sie auch auf Video festgehalten und so die Einstellungen der Leute zu deren weggeräumten Monumenten eingefangen.

Mit dem für ihre Kunst so typischen (Galgen-)Humor hält Jermolaewa sentimentale ebenso wie gleichgültige Reaktionen fest, setzt aber auch die Leere in Szene. Auf den Fotos sind etwa noch die Reste der Beine oder Füße Lenins zu sehen, ein anderer Sockel wurde mit Autoreifen und Plastikblumen geschmückt, dann wieder wurde die gelb-blaue Flagge der Ukraine oder sogar ein Kreuz aufgestellt. Unweigerlich taucht der Gedanke an die ausführenden Künstler oder Werkstätten auf sowie an die Beziehung von Sockel und Kunstwerk.

Mit der Installation korrespondiert die Arbeit "Number Two (after Solomon Asch)", die an psychologische Experimente zum Gruppenzwang erinnert. Wer hält an seinem Sinneseindruck fest, auch wenn die Masse etwas anderes sagt? Die Künstlerin thematisiert, dass die Ergebnisse dazu in Russland noch schlechter als in den USA ausfielen.

Was hat sich überhaupt in den letzten 20 Jahren in den Köpfen verändert? Eine Meditation über diese Frage stellt die Videoinstallation "5 Jahresplan" dar, für die Anna Jermolaewa erstmals 1996 Menschen auf der Rolltreppe einer U-Bahn-Station in St. Petersburg gefilmt hat. Zwei Jahrzehnte später sind Werbeschilder zu sehen und die Filmqualität ist besser, aber die Passanten wirken immer noch so in sich gekehrt wie damals. NS Kerstin Engholm Gallery, bis 5.3.


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