Wien Marathon Klaus Nüchterns Lauftagebuch

Pommes wären eine prima Alternative!

Stadtleben | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016

"Ich wusste, gar nicht, dass du so sportlich bist!", sagt die Kollegin und tut so, als würde sie das als Kompliment meinen. "Weiiiil ??", frage ich. "Weil du doch vom Feuilleton bist und dein, äh, verrauchtes Timbre " Wahr ist vielmehr, dass ich mein Lebtag nie geraucht habe, über einen honigsamtenen Mezzosopran verfüge, schon gelaufen bin, als man noch "Joggen" dazu sagte, zur letzten Jahrtausendwende gemeinsam mit Tex Rubinowitz im Falter die Mutter aller Lauftagebücher verfasst und den Wien-Marathon absolviert (3:45) habe und mich in den Nullerjahren gezwungen sah, mein Amt als Falter-Marathonstaffelcoach aufgrund des flagranten Minderleistertums der Mannschaft zurückzulegen (der Kollege Politikredakteur, gut 20 Jährchen jünger als ich, wurde sogar in der Kettenraucherklasse von fußmaroden Sixtysomethings überholt).

Das nur zur Abklärung der Faktenlage. Ansonsten hat die Kollegin mit ihrer Einschätzung schon recht: Auch mein Selbstbild ist eher das eines semiversoffenen, wirtshaushockerischen, bücherblassen Feuilletonvogels als das eines Läufers. Ich laufe halt, weil Mountainbiking noch viel bescheuerter aussieht, man zum Tennisspielen Partner und Plätze reservieren muss, Skifahren bizarr viel Geld verschlingt und weil ich niemanden gefunden habe, der mit mir ein Rhönrad-Ballett gründen wollte.

Natürlich wüsste ich mir Besseres, als in der Finsternis die deprimierend langweilige Prater-Hauptallee auf und ab zu rennen. Leute, die bei Sinnen sind, ziehen sich derweil drei Folgen "Homeland", drei Teller Pommes mit Aioli und drei Bier rein und lassen Herrgott und Trainer einen guten Mann sein. Ich aber bin Opfer meines eigenen Erfolges. Ich habe meine Kollegin in Erstaunen versetzt und darf mich jetzt nicht blamieren. Bloß nicht blamieren!!!


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