Film Retrospektive

Der ewige Schwebezustand: Rom im Film

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016

Was wird geschehen im Haus an der Piazza Farnese? Die Kamera erforscht es in einer langen Suchfahrt, schwenkt von der Fontäne die Treppe hinauf, öffnet den Blick zum Hof, als plötzlich ein Schrei zu hören ist: "Haltet den Dieb!" In diesem Gebäude haben auch die Nichtschuldigen etwas zu verbergen: der Bestohlene seine Homosexualität, ein Nachbar den Abstellraum mit Souvenirs an den Faschismus. Die Immobilie ist das Herz von Pietro Germis gleichsam linguistischem Krimi "Unter glatter Haut", in dessen Ermittlung Herkunft und Mundart der Verdächtigen eine wichtige Rolle spielen. Dieses Rom ist überschaubar. Ihm ist beizukommen. Seit dem Neorealismus weigert es sich, Metropole zu werden. Großstadtsymphonien muss man nicht komponieren. Vielmehr gibt es sich als Zusammenballung von Nachbarschaften und Mikrokosmen zu erkennen. Seine Grenzen verlaufen im ungewissen Terrain zwischen Urbanität und Agrarlandschaft, in das "Wir von der Straße" von Pasolini und Mauro Bolognini hinüberspielt.

Es beherbergt lauter Parallelwelten. Pasolini und den Volkskomiker Alberto Sordi in eine Filmreihe zu packen passt; zumal Letzterer 1977 für Mario Monicelli den mörderisch angepassten Kleinbürger aus sich hervorholt. An diesem Kinoort ist nichts banal. Die Historie ist untilgbar und die Stadt überhaupt ein Hort der Ungleichzeitigkeit (noch während des Booms hausten 54.000 Römer in Höhlen oder unter Aquädukten). Die Retro setzt "Rom offene Stadt", Rossellinis emphatisches Plädoyer für Öffentlichkeit, als Stunde Null und hält sich, bis 1979, an Gegenwartsstoffe. Sie schillert zwischen Luciano Emmers Soziogrammen und dem komödiantischen Welttheater der Niedertracht. Fellini hingegen begreift die Stadt als Erfindung. Jedes Mal wundert er sich, dass sie noch nicht abgerissen wurde wie ein ausgedientes Dekor. In Rom ist das Mythische ebenso heimisch, der Traum von Realität. Hörte Carlo Levi hier nicht nachts das Gebrüll von Löwen?

Bis 11.2. im Österreichischen Filmmuseum


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